Nextcloud und Claritysoft: Wenn Datenhoheit auf Vertriebsalltag trifft
Es ist selten die große Strategiedebatte, an der solche Vorhaben scheitern. Es ist der Montagmorgen, an dem eine Vertriebsmitarbeiterin das überarbeitete Angebot in Claritysoft ablegt, während im Nextcloud-Gruppenordner noch die Fassung von Freitag liegt. Beide Dateien tragen denselben Namen, beide sehen plausibel aus, und niemand im Haus kann mit Sicherheit sagen, welche davon das Unternehmen tatsächlich verlassen hat. Wer Nextcloud einführt, um die Kontrolle über seine Daten zurückzugewinnen, stellt früher oder später fest, dass die Dateiablage nur ein Teil der Wahrheit ist. Der andere Teil liegt in den Fachanwendungen – im CRM, in der Buchhaltung, in der Personalverwaltung.
Was Nextcloud ist – und was es nicht ist
Der Vergleich mit Dropbox oder Google Drive liegt nahe, wird der Sache aber nicht gerecht. Nextcloud als reine File-Sync-Lösung zu betrachten, ist ungefähr so, als würde man einen Schweizer Taschenmesserhersteller auf die Klingenfunktion reduzieren. Im Kern steckt natürlich die Dateiverwaltung: Sync zwischen Clients, Weboberfläche, Versionierung, Papierkorb, Freigaben, Gruppenordner, externe Speicher. Darüber hinaus ist Nextcloud aber zu einer Plattform geworden, auf der Groupware, Chat und Videokonferenzen, Office-Bearbeitung, Aufgabenverwaltung, Formulare, Kanban-Boards und eine ganze Reihe kleinerer Werkzeuge zusammenlaufen. Der Begriff Nextcloud Hub, vom Hersteller gern bemüht, beschreibt genau dieses Zusammenwachsen.
Zugleich ist Nextcloud kein Produkt im klassischen Sinn, sondern Software plus Betrieb. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, ist in der Praxis aber die häufigste Ursache für unglückliche Projekte. Wer eine Cloud-Plattform selbst hostet, übernimmt Aufgaben, die bei einem SaaS-Anbieter unsichtbar bleiben: Ausfallsicherheit, Backups, Updates, Speicherwachstum, Sicherheitspatches, Rechteverwaltung, Support im Störungsfall. Die Software ist kostenlos – die Verantwortung ist es nicht.
Nicht zuletzt unterscheidet sich Nextcloud funktional in einigen Punkten deutlich von Microsoft 365 oder Google Workspace. Bei der Co-Autorenschaft in komplexen Tabellenkalkulationen mit Makros oder bei sehr speziellen Teams-Funktionen wird man Abstriche machen. Für die überwiegende Zahl der Dokumente, die in einem durchschnittlichen Unternehmen entstehen – Text, Kalkulation ohne VBA-Orgien, Präsentationen, PDF – reicht es dagegen meist aus. Die Frage ist weniger, ob Nextcloud alles kann, sondern ob es das kann, was im eigenen Haus tatsächlich gebraucht wird.
Datenhoheit: der eigentliche Kaufgrund und seine blinden Flecken
In Ausschreibungen, Vorstandsvorlagen und Betriebsratsunterlagen taucht das Argument regelmäßig auf: Datenhoheit. Gemeint ist damit meist ein Bündel aus regulatorischen und strategischen Motiven – DSGVO-Konformität, der Wunsch nach einem Auftragsverarbeitungsvertrag ohne Drittlandbezug, NIS2-Anforderungen an Lieferketten, Vergaberegeln im öffentlichen Sektor, schlicht die Sorge, dass ein Anbieterwechsel die eigene Arbeit lahmlegt.
Diese Motive sind berechtigt. Nur wird dabei gern übersehen, dass Datenhoheit nicht automatisch Datensicherheit bedeutet. Ein schlecht konfigurierter Nextcloud-Server im eigenen Rechenzentrum ist nicht sicherer als eine ordentlich betriebene SaaS-Lösung, er ist nur schwerer zu auditieren, weil niemand von außen hinschaut. Selfhosting verlagert die Verantwortung, es eliminiert sie nicht. Wer das verkennt, tauscht ein Risiko gegen ein anderes.
Der zweite blinde Fleck liegt in der Systemlandschaft. Viele Unternehmen repatriieren ihre Dateiablage und lassen den Rest unangetastet. Das CRM läuft weiter in der Cloud, das Bewerbermanagementsystem ebenfalls, die Lohnbuchhaltung sowieso. Das ist legitim und oft die pragmatischste Lösung – aber dann sollte man sich eingestehen, dass man nur ein Drittel der Datenhoheit gewonnen hat. Und dass eine Integration zwischen dem selbst betriebenen Nextcloud und einem SaaS-CRM nicht automatisch datenschutzfreundlich ist, bloß weil auf einer Seite „Open Source“ draufsteht.
Unter der Haube: wie die Plattform technisch tickt
Für Administratoren lohnt der Blick auf die Architektur, weil er erklärt, wo im Betrieb die Engpässe entstehen. Nextcloud ist eine PHP-Anwendung, die klassischerweise unter Apache oder nginx mit PHP-FPM läuft. Als Datenbank kommen MariaDB, PostgreSQL, SQLite oder Oracle infrage – in ernsthaften Installationen praktisch immer MariaDB oder PostgreSQL, wobei PostgreSQL bei größeren Umgebungen und komplexeren Abfragen die bessere Figur macht. Redis ist nicht optional, sondern Pflicht, sobald mehr als eine Handvoll Nutzer gleichzeitig arbeitet: Es dient als Cache und, wichtiger noch, als transaktionales File-Locking, das verhindert, dass dieselbe Datei von zwei Prozessen gleichzeitig beschrieben wird.
Für den Massenspeicher gibt es seit Jahren die Möglichkeit, Objektspeicher als primäres Storage-Backend zu verwenden – S3-kompatible Systeme, Ceph, OpenStack Swift. Das ist der Punkt, an dem Selfhosting in Richtung Rechenzentrumsbetrieb kippt: Mehrere Webserver lassen sich dann hinter einem Loadbalancer betreiben, weil der Zustand nicht mehr an die lokale Festplatte gebunden ist. Was auf der Strecke bleibt, ist die Einfachheit. Man tauscht einen Server gegen ein verteiltes System, das man auch betreiben können muss.
Unter der Haube redet alles über WebDAV. Die Desktop- und Mobile-Clients synchronisieren über dieses Protokoll, ebenso die Integrationen in macOS, Windows und Linux. Parallel existiert eine umfangreiche OCS- und REST-API, über die praktisch jede Funktion der Weboberfläche auch programmatisch erreichbar ist: Nutzer anlegen, Freigaben setzen, Dateien hochladen, Kommentare schreiben, Gruppen verwalten. Für Integrationsvorhaben ist das die entscheidende Tatsache, denn es bedeutet, dass man für die meisten Automatisierungen keine Kernel-Patches braucht, sondern ein paar HTTP-Aufrufe.
Erweiterbarkeit läuft über Apps. Der eigene App-Store ist Segen und Fluch zugleich: Er liefert für fast jeden Anwendungsfall eine Lösung, aber die Qualität schwankt erheblich, und nicht jede App wird über mehrere Major-Releases hinweg gepflegt. Seit einiger Zeit gibt es mit AppAPI und externen Apps die Möglichkeit, Anwendungen in Python oder Go anzubinden, was für Integrationsprojekte interessante Optionen eröffnet.
Betrieb: die unromantischen Details
Wer Nextcloud produktiv betreibt, verbringt mehr Zeit mit Wartung als mit Feature-Fragen. Das beginnt beim Release-Zyklus. Neue Hauptversionen erscheinen in kurzen Abständen, ältere Zweige werden nur begrenzt mit Sicherheitsupdates versorgt. Ohne Enterprise-Subscription wird es damit schwierig, eine Version über zwei Jahre stabil zu halten – ein Punkt, der in Kostenvergleichen gern unter den Tisch fällt.
Die zweite unromantische Daueraufgabe ist das Backup. Ein konsistenter Stand besteht aus mindestens drei Teilen: der Datenbank, dem Dateispeicher und der Konfiguration. Wer nur die Dateien sichert, hat im Wiederherstellungsfall Freigaben, Kommentare und Metadaten verloren. Wer nur die Datenbank sichert, hat Struktur ohne Inhalt. Bei Objektspeicher kommt hinzu, dass eine Bucket-Versionierung kein Backup ersetzt, weil sie nichts gegen versehentliches oder bösartiges Löschen auf Ebene des Zugangs schützt. Und ein Backup, dessen Wiederherstellung nie geprobt wurde, ist kein Backup, sondern eine Annahme.
Beim Monitoring geht es um wenige, aber aussagekräftige Kennzahlen: Läuft der Hintergrund-Cron überhaupt, und wie weit ist er im Rückstand? Wie entwickelt sich der belegte Speicher im Verhältnis zur Quote? Wie lange dauert die Vorschaubild-Generierung bei großen Videodateien? Wie viele Anmeldungen schlagen fehl? Die Cron-Frage ist dabei die unterschätzteste. Nextcloud erledigt einen großen Teil seiner Hintergrundarbeit – Benachrichtigungen, Sync von externen Adressbüchern, Versand von Mails, Aufräumarbeiten – über Jobs. Wird der Cron nicht per Systemd-Timer oder Crontab angetriggert, sondern über AJAX im Browser, funktioniert das System genau so lange, wie jemand eine Seite geöffnet hat.
Der Personalaufwand ist ein weiterer Realitätscheck. Eine kleine Installation mit 30 Nutzern lässt sich nebenbei betreiben. Bei 300 Nutzern mit Office-Bearbeitung, Talk und externen Speichern sind es schnell 0,3 bis 0,5 Vollzeitäquivalente für Betrieb, Updates, Support und Weiterentwicklung. Das ist kein Argument gegen Nextcloud, aber es gehört in jede Wirtschaftlichkeitsrechnung.
Identität, Rechte und der Faktor Mensch
In gewachsenen Umgebungen hängt alles an der Identität. Nextcloud bindet an LDAP oder Active Directory an, unterstützt SAML und OpenID Connect für Single Sign-on und kann Gruppen aus dem Verzeichnisdienst übernehmen. Wer das sauber aufsetzt, spart sich ein zweites Berechtigungssystem – und handelt sich dafür die Verantwortung für ein korrektes Gruppenmodell ein. Denn die beste Technik hilft nicht, wenn niemand definiert hat, welche Abteilung auf welche Ordnerstruktur zugreifen darf.
Für den Datenschutz relevant sind Funktionen wie File Access Control, mit der sich Regeln formulieren lassen – etwa: Dokumente aus einem bestimmten Ordner dürfen nur von Geräten heruntergeladen werden, die einer definierten IP-Range oder einer Client-Zertifizierung zugeordnet sind. Dazu kommen Aufbewahrungsfristen, Löschkonzepte und, in regulierten Branchen, Anforderungen an die Nachvollziehbarkeit von Zugriffen. Auch das gehört zur Wahrheit: Nextcloud bringt Werkzeuge mit, aber es bringt kein fertiges Regelwerk mit. Das muss das Unternehmen selbst liefern, im Zweifel gemeinsam mit dem Betriebsrat.
Lizenzmodell, Support und die Frage nach dem echten Preis
Der Server steht unter AGPL, die Community-Version ist vollständig nutzbar. Bezahlt wird bei den Enterprise-Abos der Support, die längere Wartung bestimmter Versionen, Zertifizierungen und der Zugang zu bestimmten Funktionen. Für Unternehmen, die keinen eigenen Betrieb aufbauen wollen, gibt es Managed-Hosting-Angebote im deutschsprachigen Raum, teils mit Rechenzentren in Deutschland oder der Schweiz.
Die TCO-Betrachtung ist deshalb so unangenehm, weil sie so selten vollständig gemacht wird. Auf der einen Seite stehen Hardware oder Hosting, Storage, Backup-Ziel, Monitoring, Lizenzkosten, Personalkosten. Auf der anderen Seite die SaaS-Alternative mit einem Preis pro Nutzer und Monat, inklusive Betrieb, aber mit den bekannten Abhängigkeiten. Wer nur die Lizenzpreise vergleicht, kommt zu falschen Schlüssen. Wer die Personalkosten vergisst, übrigens auch.
Claritysoft: der zweite Ort, an dem Dokumente leben
Und damit zum zweiten Teil des Themas. Claritysoft ist ein CRM-System, das sich an kleine und mittlere Unternehmen richtet: Kontakte und Firmen, Verkaufschancen, Angebote, Kampagnen, Servicefälle, Auswertungen. Der genaue Funktionsumfang hängt von Tarif und Version ab; gemeinsam mit vielen anderen CRM-Lösungen teilt es aber ein strukturelles Merkmal, das für unser Thema entscheidend ist – es ist der Ort, an dem die kundenbezogene Wahrheit liegt.
Denn dort landen sie alle: das Angebot als PDF, der unterschriebene Vertrag, die Rechnung, das Gesprächsprotokoll, die PowerPoint für den Präsentationstermin. CRM-Systeme sammeln Dokumente, weil sie den Kundenkontext mitliefern. Nur sind sie in aller Regel schlechte Dateiverwaltungssysteme: Keine Versionshistorie im eigentlichen Sinn, keine Ordnerstruktur, keine Freigaben an Externe, oft limitierter Speicherplatz. Also kopiert man die Dateien zusätzlich in die Dateiablage. Und schon existieren zwei Wahrheiten.
Ein zweiter Konflikt liegt im Datenmodell. Ein CRM denkt in Objekten: Kontakt, Firma, Vorgang, Vertrag. Nextcloud denkt in Pfaden und Berechtigungen: Ordner, Gruppen, Freigaben, Vererbung. Die beiden Vorstellungen lassen sich in Übereinstimmung bringen, aber nicht ohne Nachdenken. Wer einfach eine Ordnerstruktur nach dem CRM-Schema anlegt, produziert bei jedem neuen Kunden einen Ordnerbaum, in dem niemand mehr etwas findet – es sei denn, die Namenskonvention ist verbindlich und automatisiert durchgesetzt.
Fünf Muster, wie Nextcloud und ein CRM zusammenarbeiten
Bevor man über konkrete Schnittstellen redet, lohnt die Frage nach dem Muster. In der Praxis haben sich fünf Varianten etabliert, die sich auch kombinieren lassen. Ob Claritysoft eine fertige Nextcloud-Anbindung im Programm hat, ändert sich mit Versionen und Vertriebsentscheidungen; in der Praxis trifft man häufiger auf Integrations-Apps aus dem Umfeld des jeweiligen CRM-Herstellers, die nicht vom Nextcloud-Kernteam gepflegt werden. Wer sie einsetzt, sollte Wartungsstand, Release-Kompatibilität und Updateverhalten sorgfältig prüfen – oder gleich den eigenen Weg über die APIs gehen.
Muster eins: verlinken statt kopieren
Die einfachste und zugleich unterschätzteste Variante. Im CRM-Datensatz steht kein Dokument, sondern ein Link auf den Ordner oder die Datei in Nextcloud. Der Nutzer klickt, landet in der gewohnten Oberfläche, sieht Versionen und Kommentare. Es gibt nur eine Datei, nur eine Wahrheit. Voraussetzung ist eine stabile URL-Struktur, die auch nach Umbenennungen funktioniert – Nextcloud arbeitet hier mit Datei-IDs, was die Sache robuster macht als pfadbasierte Verweise. Wer eine Freigabe an Externe benötigt, erzeugt aus der Oberfläche heraus einen Link mit Ablaufdatum und Passwort statt einen Mailanhang zu versenden.
Muster zwei: Ordner automatisch anlegen
Sobald im CRM ein neuer Kunde oder Vorgang entsteht, wird in Nextcloud per WebDAV-Aufruf ein passender Ordner erzeugt – inklusive Unterstruktur aus einer Vorlage, versehen mit den richtigen Gruppenberechtigungen. Technisch ist das unspektakulär: ein MKCOL-Request, ein paar Freigabeaufrufe über die OCS-API, ein Eintrag in den Metadaten. Der Aufwand liegt nicht in der Programmierung, sondern in der Disziplin. Ohne klare Namenskonvention, ohne Prozess für Umbenennungen und ohne Regelung für Sonderfälle wächst innerhalb von zwei Jahren ein Wildwuchs, der teurer ist als das ursprüngliche Problem.
Muster drei: Dokumente automatisiert ablegen
Angebote, Rechnungen und Verträge entstehen häufig aus Vorlagen mit festen Metadaten. Diese lassen sich über die API erzeugen, benennen und ablegen – ohne manuellen Zwischenschritt. Als Vermittlungsschicht eignen sich Nextcloud Flow mit seinen Regelwerken, ein Webhook-Empfänger oder ein kleiner Automatisierungsdienst wie n8n oder Node-RED. Nextcloud kann abgelegte Dokumente per Volltextindex durchsuchbar machen; bei gescannten Unterlagen hilft OCR. Wichtig ist in diesem Muster die Konsistenz: Wer einmal Dateinamen programmatisch zusammensetzt, muss dieselbe Logik überall verwenden – sonst findet die Suche nichts mehr.
Muster vier: Kalender, Kontakte und Aufgaben
Nextcloud spricht CalDAV und CardDAV. Wenn das CRM Termine und Kontaktdaten pflegt, lassen sie sich in vielen Fällen dorthin spiegeln, wo die Menschen tatsächlich arbeiten: in den Kalender ihres Mailclients. Aufgaben aus einem Verkaufsvorgang können als Nextcloud-Deck-Karten oder Tasks-Einträge landen, Projektordner als Deck-Boards. Der Teufel steckt in der Richtung des Abgleichs. Ein bidirektionaler Sync zwischen zwei Systemen, die unterschiedliche Felder kennen, ist eine dauerhafte Fehlerquelle – mit der Folge, dass Telefonnummern an falschen Stellen landen und nach drei Monaten niemand mehr weiß, welches System führt. Besser: eine Richtung festlegen, die andere Seite als reine Anzeige behandeln.
Muster fünf: Identität und Rechte koppeln
Das unauffälligste, aber wirkungsvollste Muster. Nutzer melden sich über Single Sign-on an, Gruppen werden aus dem Verzeichnisdienst übernommen, Berechtigungen ergeben sich daraus. Wenn das CRM zusätzlich eine Provisionierung unterstützt, lassen sich neue Mitarbeiter in beiden Systemen gleichzeitig anlegen – und beim Austritt ebenso zuverlässig sperren. Wer schon einmal erlebt hat, dass ein ausgeschiedener Außendienstmitarbeiter noch monatelang Zugriff auf Kundenordner hatte, weiß, wie viel dieses Muster wert ist.
Datenschutz über Systemgrenzen hinweg
Sobald zwei Systeme dieselben personenbezogenen Daten berühren, reicht ein Auftragsverarbeitungsvertrag pro Anbieter nicht mehr aus. Es braucht einen Blick auf den Datenfluss: Welche Informationen wandern in welche Richtung, wo werden sie gespeichert, wie lange, und wer kann sie einsehen? Besonders kritisch ist die Löschung. Wird ein Kunde aus dem CRM entfernt, muss das auch die zugehörigen Dokumente erfassen – und umgekehrt. Ohne definierten Prozess bleibt der Ordner in der Dateiablage bestehen, während der Datensatz im CRM längst gelöscht ist.
Bei einem SaaS-CRM kommen die üblichen Fragen hinzu: Standort der Rechenzentren, Subunternehmer, Zugriffsrechte des Anbieters, Aufbewahrung von Backups, Umgang mit Support-Zugriffen. Je nach Herkunft des Anbieters kann ein Drittlandtransfer zu bewerten sein, was ohne Standardvertragsklauseln und Transfer Impact Assessment nicht sauber lösbar ist. Und wenn KI-Funktionen ins Spiel kommen – Zusammenfassungen, Vorschläge, automatische Klassifizierung –, sollte man sehr genau lesen, ob Daten zum Modelltraining verwendet werden und wo die Verarbeitung stattfindet.
Ein Beispiel aus der Praxis
Zur Veranschaulichung ein anonymisiertes Szenario, wie es in ähnlicher Form häufiger vorkommt. Ein Maschinenbauer mit rund 180 Beschäftigten betreibt Nextcloud im eigenen Rechenzentrum, mit Objektspeicher, Gruppenordnern für Entwicklung, Vertrieb und Service. Das CRM – in diesem Fall Claritysoft – läuft als SaaS. Ausgangslage: Der Vertrieb legt Angebote doppelt ab, einmal im CRM, einmal im Projektordner. Der Service findet die aktuelle Anlagendokumentation nicht, weil sie im CRM am falschen Vorgang hängt. Es gibt vier Versionen desselben Angebots, von denen drei die Runde durch Kunden und Partner gemacht haben.
Die Lösung war unspektakulär. Der CRM-Datensatz enthält künftig einen Ordnerlink, der automatisch beim Anlegen eines Verkaufsvorgangs erzeugt wird. Angebots-PDFs entstehen aus der kaufmännischen Software und werden per API in den Vorgangsordner geschrieben, mit einer Namenskonvention aus Datum, Kundennummer und Dokumententyp. Freigaben an Kunden laufen über Links mit Ablaufdatum statt über Anhänge. Für die Belegschaft änderte sich wenig – sie klickt weiter, nur an der richtigen Stelle. Messbar war vor allem der Rückgang an E-Mail-Anhängen und die Zeit, die der Service früher mit Suchen verbrachte. Was man ehrlicherweise dazusagen muss: Die erste Version der Automatisierung produzierte Ordner in falscher Schreibweise und doppelte Datensätze, weil drei Systeme unterschiedliche Kundenstammnummern führten. Ohne Bereinigung dieses Stammdatenproblems wäre das Projekt gescheitert – nicht an der Technik.
Typische Fehler, die sich vermeiden lassen
Die häufigste Ursache für gescheiterte Integrationsvorhaben ist nicht die Programmierung, sondern die Auslassung. Wer Berechtigungskonzepte überspringt, baut sich später einen Rechte-Drift, bei dem Ordnerzugriffe und CRM-Rollen auseinanderlaufen. Wer den Test in einer Produktivinstanz durchführt, riskiert Datenverlust. Wer das Backup nie zurückspielt, merkt erst im Ernstfall, dass die Datenbankkopie und der Dateistand nicht zusammenpassen.
Ein weiterer Klassiker ist die App-Schwemme. Nextcloud lädt dazu ein, für jeden Anwendungsfall ein Plugin zu installieren. Jede zusätzliche App ist aber ein Stück Code, das gepatcht, getestet und bei jedem Versionssprung auf Kompatibilität geprüft werden muss. Zehn Apps sind handhabbar, fünfzig werden zur Dauerbaustelle. Ähnlich verhält es sich mit Freigabelinks: Ohne Ablaufdatum, Passwort und eine gewisse Nachverfolgung entsteht ein Schattenkanal am Dokumentenmanagement vorbei.
Und schließlich das Personal. Viele Projekte verlassen sich auf eine einzige Person, die weiß, wie die Umgebung funktioniert. Fällt sie aus, steht der Betrieb. Dokumentation, ein zweiter Know-how-Träger und ein klarer Eskalationsweg bei Störungen sind keine Bürokratie, sondern Risikovorsorge.
Wann sich was lohnt
Nextcloud passt gut, wenn Datenhoheit ein echtes Kriterium ist, wenn es Menschen im Haus gibt, die einen Server betreiben können oder wollen, wenn die Anforderungen an Zusammenarbeit nicht exotisch sind und wenn die Bereitschaft besteht, einen Teil der gesparten Lizenzkosten in Betrieb zu stecken. Weniger gut passt es, wenn eine IT-Abteilung faktisch nicht existiert, die Anforderungen an Echtzeit-Co-Editing komplexer Dokumente sehr hoch sind oder das Unternehmen ohnehin vollständig in einem Microsoft-Ökosystem lebt und dessen Integrationen intensiv nutzt.
Ein SaaS-CRM wie Claritysoft daneben zu betreiben, ist kein Widerspruch. Es ist nur eine bewusste Entscheidung mit Konsequenzen, die man benennen sollte: Ein Teil der Kundendaten liegt außerhalb der eigenen Kontrolle, und die Verbindung zwischen beiden Welten muss aktiv gepflegt werden. Der entscheidende Punkt ist nicht die Frage, ob man alles repatriiert, sondern ob man weiß, wo welche Daten liegen und wie sie sich konsistent halten lassen. Eine schlanke Integration über die APIs, ein klares Führendes System pro Datentyp und ein definierter Löschprozess sind dabei mehr wert als eine vollständige Suite, die niemand beherrscht.
Wer heute eine Nextcloud einführt, sollte das CRM also nicht als Nebenschauplatz betrachten. Sonst entsteht genau die Situation, mit der dieser Text begonnen hat: zwei Dateien, zwei Wahrheiten, ein Montagmorgen – und niemand, der sagen kann, welche Fassung das Haus verlassen hat.