Nextcloud und Workbooks Tabellenarbeit direkt an der Datenquelle

Nextcloud und Workbooks: Tabellenarbeit dort, wo die Daten ohnehin liegen

Es gibt kaum einen Dateityp, der sich so hartnäckig in gewachsenen IT-Landschaften hält wie die Arbeitsmappe. Ob Inventarliste, Budgetplanung, Schichtplan, Zeugnisvorlage oder die berühmt-berüchtigte Projektkalkulation mit 27 Tabellenblättern: Irgendwo im Betrieb sitzt fast immer jemand, der eine xlsx-Datei pflegt, die eigentlich längst niemand mehr vollständig überblickt. Und fast immer liegt diese Datei an einem Ort, der irgendwann einmal sinnvoll war – im Netzlaufwerk, im Mailanhang, in einem privaten Cloudkonto oder auf dem Rechner einer Kollegin, die gerade im Urlaub ist.

Nextcloud tritt mit dem Anspruch an, genau hier aufzuräumen: Dateien sollen dort liegen, wo sie hingehören, synchron bleiben, versioniert werden und sich trotzdem im Browser bearbeiten lassen. Der Teufel steckt allerdings im Detail. Wer Arbeitsmappen produktiv in einer Nextcloud-Umgebung betreiben will, sollte wissen, wo die Grenzen der Office-Integration verlaufen, welche Rolle die App-Landschaft spielt und wann eine Tabelle schlicht das falsche Werkzeug ist. Denn eines zeigt sich in der Praxis immer wieder: Der Umstieg auf eine selbst gehostete Plattform ist selten ein technisches Problem. Er ist ein Organisationsproblem mit technischem Beiwerk.

Drei Dinge, die alle »Workbook« nennen

Zunächst eine Begriffsklärung, die in Projekten erstaunlich viel Zeit spart. Wer von »Workbooks« spricht, meint je nach Kontext sehr unterschiedliches. In der Microsoft-Welt ist das Workbook zunächst nur die Arbeitsmappe selbst, also der Container, in dem mehrere Tabellenblätter, Formeln, Diagramme und benannte Bereiche zusammenliegen. Aus dieser Perspektive ist jede xlsx-Datei ein Workbook – und das OpenDocument-Pendant ods im Grunde auch, auch wenn dort niemand diesen Begriff verwendet.

In der Nextcloud-Welt kommt eine zweite Bedeutung hinzu. Hier gibt es Anwendungen, die das Konzept »Tabelle« ganz anders denken: Nextcloud Tables beispielsweise als leichtgewichtige Datenbank mit Ansichten, Verknüpfungen und Berechtigungen, Collectives als Wissenssammlung, Deck als Kanban-Board. Manche Häuser bündeln solche Bausteine intern unter dem Label »Workbooks« – ein Sammelbegriff für strukturierte Arbeitsbereiche jenseits der klassischen Datei. Und drittens schließlich meinen Administratoren mit dem Begriff oft schlicht die Gesamtheit aller Tabellendokumente im Bestand, über die sie irgendwann einmal eine Aussage treffen müssen: Wie viele sind es, wer greift darauf zu, was davon ist kritisch?

Diese drei Lesarten sollte man auseinanderhalten, sonst diskutiert die Fachabteilung über Datenbanken, während die IT über Dateisperren redet. Der folgende Text behandelt daher beide Seiten: die klassische Arbeitsmappe als Datei in Nextcloud – und die Frage, wann eine native Anwendung die bessere Antwort ist.

Die Basis: Dateien, Freigaben, Versionen

Bevor überhaupt ein Büroprogramm ins Spiel kommt, leistet Nextcloud das, was früher das Netzlaufwerk geleistet hat – nur mit deutlich feineren Werkzeugen. Eine Arbeitsmappe liegt in einem Ordner, der Ordner gehört einer Gruppe, die Gruppe hat Rechte. Freigaben lassen sich intern an Nutzer oder Gruppen vergeben, extern als Link mit Passwort, Ablaufdatum und optionaler Upload-Beschränkung. Wer eine Datei öffnet, sieht in der Aktivitätsanzeige, wer sie zuletzt angefasst hat; Kommentare hängen direkt am Dokument, nicht in einer separaten Mailkette.

Dazu kommt die Versionierung. Nextcloud legt bei jeder Änderung Versionen ab, standardmäßig in einem Intervall, das sich steuern lässt. Das ist für Arbeitsmappen erstaunlich wertvoll, weil genau dort die folgenschwersten Fehler passieren: Jemand löscht eine Spalte, überschreibt eine Formel, verschiebt versehentlich einen Bezug. Im Netzlaufwerk ist das ein Anruf beim Backup-Administrator, in Nextcloud meist ein Klick auf »Versionen«. Gelöschte Dateien landen im Papierkorb und lassen sich – je nach Konfiguration – über Aufbewahrungsfristen auch länger vorhalten. Über die Automatisierungsregeln (Flow) kann man diese Fristen an Bedingungen knüpfen, etwa an Ordner oder Dateityp.

Das klingt unspektakulär, ist aber der eigentliche Gewinn. Denn die meisten Organisationen scheitern nicht daran, dass sie keine Tabellenkalkulation im Browser haben. Sie scheitern daran, dass niemand weiß, welche Version die aktuelle ist. Ein sauber geführter Dateibestand mit nachvollziehbarer Historie löst dieses Problem zuverlässiger als jede Formelprüfung.

Nextcloud Office: Collabora, OnlyOffice und die Frage der Erwartung

Für die Bearbeitung im Browser setzt Nextcloud auf das WOPI-Protokoll, also auf eine Schnittstelle, über die ein externer Dokumentenserver Dateien liest und schreibt, die in Nextcloud liegen. Die beiden etablierten Wege heißen Collabora Online und OnlyOffice. Offiziell ausgeliefert und am engsten verzahnt ist Collabora: Die Variante »Built-in CODE Server« bringt einen Collabora-Online-Development-Server als App mit, gedacht für kleinere Installationen und Testbetrieb. Für produktive Umgebungen empfiehlt sich ein separater Collabora-Container hinter einem Reverse Proxy, weil sich dieser unabhängig skalieren, aktualisieren und härten lässt.

OnlyOffice wiederum ist als Document Server ebenfalls integrierbar und hat seine Anhänger, gerade wegen der vertrauten Oberflächenanmutung. Die Integration ist jedoch nicht ganz so reibungslos wie bei Collabora, und die Community-Version bringt Einschränkungen mit, die man vor dem Rollout prüfen sollte – etwa beim mobilen Zugriff oder bei bestimmten Funktionen, die der Hersteller der kommerziellen Variante vorbehält. Wer heute neu plant, sollte sich beide Varianten ansehen und dabei nicht nur auf die Optik schauen, sondern auf das, was im Alltag zählt: Geschwindigkeit beim Öffnen großer Dateien, Qualität des Exports, Umgang mit Formelfunktionen, Verhalten bei gleichzeitigem Zugriff.

Was funktioniert – und was nicht

Die ehrliche Antwort lautet: Für 85 bis 90 Prozent dessen, was in einem durchschnittlichen Betrieb in Tabellen passiert, reicht die Browser-Bearbeitung vollständig aus. Formatierungen, einfache bis mittlere Formeln, Diagramme, Filter, bedingte Formatierung, Pivot-Auswertungen in Grundzügen – all das läuft zuverlässig. Auch das gemeinsame Bearbeiten mehrerer Personen funktioniert, mit farblich markierten Cursorn und Live-Aktualisierung.

Problematisch wird es an den Rändern. Wer jahrelang Excel-Dateien mit VBA-Makros gepflegt hat, wird sie in Collabora oder OnlyOffice nicht ausführen können. Power Query, Power Pivot, Datenmodelle, externe Datenverbindungen, komplexe Array-Formeln neuerer Generation – hier stößt man auf Grenzen, die sich nicht weglächeln lassen. Auch das Layout großer, dicht gestalteter Auswertungen verschiebt sich beim Konvertieren gern einmal so, dass die Druckvorschau zur Überraschung wird. Und wer mit externen Verknüpfungen zwischen mehreren Arbeitsmappen arbeitet, sollte vorher genau prüfen, wie diese Pfade im Webdav-Kontext aufgelöst werden. In vielen Fällen werden sie es nicht.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein mittelständischer Maschinenbauer hatte eine Angebotskalkulation, die über 14 Tabellenblätter hinweg auf externe Referenzen und ein Makro zur Angebotsnummernvergabe setzte. Der Umstieg auf die Browser-Bearbeitung scheiterte – nicht an der Plattform, sondern an der Datei selbst. Die Lösung bestand nicht in einer anderen Office-Engine, sondern darin, die Nummernvergabe aus der Tabelle herauszulösen und die Kalkulation auf eine Webanwendung mit Datenbank zu überführen. Ein ernüchterndes, aber typisches Ergebnis.

Sperren, Gleichzeitigkeit und die Sache mit den Konfliktkopien

Ein Punkt, der in Präsentationen gern untergeht: Was passiert eigentlich, wenn zwei Menschen dieselbe Mappe bearbeiten? Im Browser ist die Antwort elegant. Der Dokumentenserver hält eine Sperre im WOPI-Kontext, die Bearbeitung läuft gemeinsam in einer Sitzung, Konflikte entstehen gar nicht erst. Wer nur lesen will, bekommt eine schreibgeschützte Ansicht.

Schwierig wird es, wenn parallel der Desktop-Client synchronisiert. Wer eine Datei im Browser geöffnet hat und gleichzeitig eine ältere lokale Kopie ins Verzeichnis schiebt, erzeugt schnell eine Konfliktdatei mit angehängtem Rechnernamen und Zeitstempel. Das ist kein Fehler der Software, sondern die logische Konsequenz daraus, dass zwei Systeme dieselbe Datei unabhängig voneinander für aktuell halten. Wer das vermeiden will, muss die Menschen mitnehmen: Die Regel lautet, Dateien entweder lokal oder im Browser zu bearbeiten, nicht beides durcheinander. Manche Häuser lösen das organisatorisch, indem sie kritische Mappen als reine Webdav-Freigabe ohne lokale Synchronisation anbieten. Das ist unbequem, aber ehrlich.

Auch das Thema Dateisperren auf Storage-Ebene verdient einen Blick. Bei klassischem Dateisystem-Backend greift Nextclouds eigenes Locking über Redis. Wer Primärspeicher in einem S3-kompatiblen Objektspeicher betreibt, sollte prüfen, ob die eingesetzte Version die entsprechenden Sperrmechanismen unterstützt; das war historisch eine Schwachstelle und ist heute deutlich besser, aber nicht in jeder Konstellation identisch. In Umgebungen mit mehreren Applikationsservern hinter einem Loadbalancer gehört Redis ohnehin auf die Pflichtliste – nicht nur für Sperren, sondern auch für Sessions und Caching. Ohne diesen Baustein wird es unter Last unangenehm.

Wann eine Tabelle das falsche Werkzeug ist

Hier kommt der Teil, der in der Diskussion über Office-Engines regelmäßig fehlt. Viele Arbeitsmappen werden nicht deshalb per E-Mail verschickt, weil die Infrastruktur schlecht ist, sondern weil sie eigentlich gar keine Tabellen sind. Sie sind Datenbanken ohne Schema, Workflow-Tools ohne Workflow oder Dokumentation ohne Struktur. Eine Plattform wie Nextcloud ändert daran nichts – sie macht das Problem nur sichtbarer, weil plötzlich mehrere Leute gleichzeitig in dieselbe Datei schauen.

Für solche Fälle lohnt der Blick auf die nativen Bausteine. Tables eignet sich für strukturierte Listen mit definierten Spaltentypen, Verknüpfungen zwischen Tabellen und Ansichten, die man teilen kann, ohne die Datenhaltung zu teilen. Wer früher eine Excel-Liste für Inventar, Geräteverwaltung oder Projektübersicht genutzt hat, findet hier oft die bessere Lösung: Die Daten sind normalisiert, Berechtigungen greifen auf Zeilenebene, und die Auswertung entsteht über Ansichten statt über Formeln. Forms deckt die Erfassung ab, Deck die Aufgabenverfolgung, Collectives das Wissensmanagement. Das Zusammenspiel klingt zunächst nach mehr Werkzeugen, als man wollte – in der Praxis reduziert es die Zahl der herumliegenden Dateien erheblich.

Nicht zuletzt ist die Frage nach dem Datenmodell eine Frage der Nachhaltigkeit. Eine Arbeitsmappe, in der seit acht Jahren jeden Monat eine Spalte angehängt wurde, hat keine Struktur mehr, sondern eine Geschichte. Eine Tabelle mit definierten Feldern hat beides: Struktur und Historie, nur eben getrennt.

Interoperabilität: der unromantische Teil

Wer den Umstieg ernsthaft plant, kommt um eine Bestandsaufnahme der Dateien nicht herum. Es genügt nicht, die Anzahl zu zählen. Interessant sind andere Fragen: Wie viele Dateien enthalten Makros? Wie viele nutzen externe Verknüpfungen? Wie viele haben bedingte Formatierungen, die auf Nachbarblätter verweisen? Wo werden Datumsformate verwendet, die beim Konvertieren kippen? Wo steht eine Zahl als Text in der Zelle, weil sie vor Jahren einmal so eingetragen wurde?

Besonders die Zahlen-als-Text-Falle ist tückisch. Sie fällt in der Originalumgebung nicht auf, weil Excel dort großzügig interpretiert. Nach dem Import in eine andere Engine steht die Zelle plötzlich linksbündig, und die Summe bleibt leer. Wer im Vorfeld nicht mit einer Stichprobe über echte Dateien geht, erlebt diese Überraschung im Echtbetrieb, gerne in der Woche vor dem Quartalsabschluss.

Hilfreich ist ein mehrstufiger Ansatz. Zuerst eine Klassifizierung der Mappen nach Nutzungsintensität und Kritikalität. Dann eine Testkonvertierung der kritischen Dateien, möglichst mit den echten Anwendern am Bildschirm und nicht mit der IT allein. Danach eine Entscheidung pro Datei: weiter als xlsx im Browser, Überführung in eine native Anwendung oder – und das ist völlig legitim – Verbleib in einem klassischen Office-Paket auf dem Desktop, während die Datei selbst in Nextcloud liegt. Diese dritte Variante wird in Diskussionen oft als Niederlage empfunden. Sie ist in Wahrheit die pragmatischste Option für alles, was ohnehin nur von einer Person bearbeitet wird. Nextcloud muss nicht jede Kalkulation im Browser öffnen können. Es muss nur dafür sorgen, dass die Datei auffindbar, versioniert, berechtigt und gesichert ist.

Betrieb und Skalierung: die unsichtbare Arbeit

Von außen betrachtet wirkt eine Nextcloud-Installation wie eine Anwendung. Von innen ist sie ein Verbund aus Webserver, PHP-Prozessen, Datenbank, Cache, Suchindex, Hintergrundjobs und gegebenenfalls einem Dokumentenserver in Containern. Für Arbeitsmappen ist vor allem der Dokumentenserver der kritische Pfad, denn seine Speicheranforderungen skalieren nicht linear mit der Zahl der Installationen, sondern mit der Zahl gleichzeitig geöffneter Dokumente und ihrer Größe.

Ein Collabora-Container, der für eine Abteilung mit zwei Dutzend parallelen Nutzern ausgelegt ist, wird in einem Unternehmen mit mehreren hundert gleichzeitigen Sitzungen nicht genügen. Dann braucht es mehrere Instanzen, einen Loadbalancer, eine saubere Session-Affinität und ausreichend Arbeitsspeicher. Als Faustregel gilt: Die Speicherauslastung folgt grob der Anzahl der Sitzungen multipliziert mit der Dokumentkomplexität. Eine 40-Megabyte-Arbeitsmappe mit mehreren Blättern und umfangreichen Formeln ist für den Server spürbar teurer als ein einseitiges Textdokument. Wer hier knapp kalkuliert, bekommt Wartezeiten, die von den Anwendern zu Recht als Rückschritt gegenüber dem lokalen Excel wahrgenommen werden – und das ist dann kein Akzeptanzproblem der Nutzer, sondern eines der Dimensionierung.

Dahinter liegt der übliche Rest: PHP-FPM mit realistischen Timeouts, OPcache, APCu, Redis für Sperren und Sessions, eine MariaDB- oder PostgreSQL-Instanz, die nicht auf derselben Maschine um jeden Zyklus kämpft, ein Reverse Proxy mit sauber konfigurierten Weiterleitungen und ausreichend langen Timeouts für WebSocket-Verbindungen. Dazu ein Hintergrundjob-System, das die Cron-Aufgaben zuverlässig abarbeitet. Fehlt das, sammeln sich Vorschaubilder, Suchindizes und Benachrichtigungen, bis die Oberfläche träge wird und niemand weiß, warum.

Beim Speicher gilt es, eine Grundsatzentscheidung zu treffen. Lokale NVMe-Platten sind schnell und einfach, aber schlecht horizontal skalierbar. Netzwerkspeicher über NFS oder SMB ist bequem und oft vorhanden, kann aber bei vielen kleinen Dateizugriffen zum Flaschenhals werden. Objektspeicher über S3 ist flexibel und passt zu verteilten Setups, bringt jedoch eigene Eigenheiten mit, gerade bei Sperren und bei der Konsistenz von Metadaten. Alle drei Wege funktionieren; keiner ist universell richtig. Entscheidend ist, dass die Wahl zur geplanten Nutzung passt und nicht umgekehrt.

Sicherheit, Datenschutz und die Grenzen der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung

Für viele Organisationen ist der Datenschutz der eigentliche Grund für den Betrieb einer eigenen Plattform. Nextcloud lässt sich vollständig auf eigener Hardware oder bei einem europäischen Anbieter betreiben, die Daten verlassen das Haus nicht, und die Auftragsverarbeitung lässt sich sauber regeln. Verschlüsselung im Transport über TLS ist Standard, Verschlüsselung im Ruhezustand hängt vom gewählten Speicher-Backend ab und sollte bei Bedarf auf Dateisystem- oder Volume-Ebene ergänzt werden.

Ein Punkt, der in Präsentationen gern zu optimistisch dargestellt wird, ist die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Sie schützt Inhalte so, dass selbst der Serverbetreiber sie nicht lesen kann – ein starkes Argument für vertrauliche Dokumente. Genau deshalb lässt sie sich aber nicht mit serverseitiger Dokumentbearbeitung kombinieren: Wenn der Server die Datei nicht entschlüsseln kann, kann er sie auch nicht an den Dokumentenserver weiterreichen. In Ende-zu-Ende-verschlüsselten Ordnern ist also Schluss mit Browser-Bearbeitung. Wer beides braucht, muss trennen – etwa sensible Verträge in einem verschlüsselten Ordner und Arbeitsmappen in einem regulären, dafür über Rechte, Protokollierung und Aufbewahrungsfristen kontrollierten Bereich.

Für den Alltag relevanter sind ohnehin die feineren Werkzeuge: Freigaben mit Ablaufdatum, Lesen-und-Kommentieren statt Vollzugriff, passwortgeschützte Links, Wasserzeichen beim Teilen, eine restriktive Rechtevergabe entlang von Gruppen statt Einzelpersonen und eine Protokollierung, die auch nach Wochen noch auskunftsfähig macht. Ergänzend lohnt sich eine Richtlinie, was überhaupt per externem Link geteilt werden darf. In der Praxis ist ein unbedacht verschickter Freigabelink häufiger das Problem als eine fehlende Festplattenverschlüsselung.

Migration, Betriebsmodelle und die Kostenfrage

Der Weg in eine eigene Nextcloud führt selten über einen großen Schnitt. Bewährt hat sich ein Vorgehen in Etappen: Zuerst der Dateibestand, also Migration der Netzlaufwerke mit Bereinigung, dann die Ablösung der klassischen Filesharing-Dienste, danach die Groupware mit Kalender und Kontakten, schließlich die Office-Integration. Jede Etappe bringt Nutzen für sich, und keine Etappe setzt voraus, dass die nächste gelingt. Wer dagegen versucht, an einem Wochenende alles gleichzeitig umzustellen, wird die Plattform für Monate mit Akzeptanzproblemen kämpfen.

Bei den Betriebsmodellen gibt es drei realistische Wege. Vollständig selbst betrieben bedeutet maximale Kontrolle und die Verantwortung für Updates, Monitoring, Backup und Sicherheit. Managed Hosting bei einem spezialisierten Anbieter nimmt diese Last ab und liefert meist eine professionell betriebene Collabora-Instanz dazu; man bezahlt dafür monatlich pro Nutzer. Dazwischen liegt der Eigenbetrieb mit externem Support, bei dem die Plattform im Haus läuft, die Betreuung aber vertraglich abgesichert ist – für viele mittelständische Betriebe der beste Kompromiss.

Die Kostenrechnung fällt je nach Modell unterschiedlich aus, und die reine Lizenzbetrachtung führt in die Irre. Wer selbst betreibt, braucht Personal für Pflege und Weiterentwicklung, dazu Hardware, Backup-Infrastruktur und Zeit für Updates. Wer managed, zahlt planbar, gibt aber einen Teil der Kontrolle ab. Ein ehrlicher Vergleich stellt diesen Posten den Ausgaben für kommerzielle Cloud-Suiten gegenüber und berücksichtigt dabei auch, was heute oft übersehen wird: die Zeit, die Beschäftigte mit Suchen, Versionenvergleichen und dem Nachfragen nach Dateizugriffen verbringen.

Ein Aspekt, den man nicht kleinreden sollte, ist das App-Ökosystem. Nextcloud lebt von Erweiterungen, und nicht jede ist auf demselben Qualitätsniveau. Eine App, die vor zwei Jahren zuletzt aktualisiert wurde, kann bei der nächsten Hauptversion zum Risiko werden. Wer produktiv arbeitet, sollte den installierten Bestand bewusst schlank halten und vor jedem Versionssprung prüfen, welche Anwendungen mitkommen. Auch die Auswahl der Enterprise-Distribution mit längerem Supportzeitraum ist für regulierte Umgebungen eine Überlegung wert.

Zwei Szenarien aus der Praxis

Eine kommunale Verwaltung mit rund 600 Beschäftigten wollte weg von einem gewachsenen Netzlaufwerk und einem externen Filesharing-Dienst. Der Bestand umfasste über zwei Millionen Dateien, darunter mehrere tausend Arbeitsmappen. Der Ansatz: Migration in Etappen, klare Ordnerstruktur, Bereinigung nach Aufbewahrungsregeln, Testbetrieb mit einer Abteilung. Die kritischen Kalkulationen, etwa in der Bauabteilung, blieben zunächst auf dem Desktop, die Dateien selbst wanderten aber vollständig in die Plattform. Im zweiten Schritt wurden Haushaltsplanungen in eine Tables-Anwendung überführt. Nach eineinhalb Jahren war der Anteil der im Browser bearbeiteten Mappen auf etwa 70 Prozent gestiegen – nicht durch Druck von oben, sondern weil die Leute gemerkt haben, dass die Versionenfrage verschwindet, wenn alle denselben Stand sehen.

In einem Forschungsinstitut mit verteilten Standorten lag der Fokus woanders. Hier waren Messreihen und Auswertungen über Jahre in Arbeitsmappen gewachsen, mit teils widersprüchlichen Ergebnissen, weil verschiedene Gruppen unterschiedliche Kopien pflegten. Die Umstellung bestand weniger in einer Migration als in einer Datenmodellierung: Messdaten in eine Datenbank, Auswertung über Skripte, die Ergebnisdarstellung in Nextcloud. Die Arbeitsmappe blieb – aber nur noch als Export, nicht mehr als Quelle der Wahrheit. Der Aufwand war erheblich, der Effekt auch.

Was am Ende zählt

Nextcloud ist keine Excel-Ablösung, und es wäre unseriös, das zu behaupten. Was die Plattform leistet, ist etwas anderes und in Summe wertvoller: Sie bringt Ordnung in einen Dateibestand, der in vielen Häusern über Jahre unkontrolliert gewachsen ist. Sie macht Zugriffe nachvollziehbar, Versionen verfügbar und Freigaben kontrollierbar. Und sie bietet mit Collabora, OnlyOffice und den nativen Anwendungen mehrere Wege, mit Tabellen zu arbeiten – je nachdem, ob es sich um eine echte Rechenaufgabe, eine Liste oder schlicht um ein Dokument handelt, das noch eine Weile als Datei existieren darf.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, welche Office-Engine die meisten Formeln beherrscht. Sie lautet, wo in der eigenen Organisation welche Daten gepflegt werden und wer dafür verantwortlich ist. Wer diese Frage beantwortet, weiß danach ziemlich genau, welche Arbeitsmappen in den Browser gehören, welche in eine Datenbank und welche einfach in Ruhe gelassen werden sollten. Die Technik ist dann das kleinere Problem.