Bookmarklets und Nextcloud: eine Verbindung, die man leicht übersieht
Wer eine Nextcloud selbst betreibt oder in einer Organisation administriert, kennt die Vielfalt der Zugriffswege: WebDAV für den Desktop-Sync, CalDAV und CardDAV für Kalender und Kontakte, die Web-Oberfläche für alles andere, dazu Apps für iOS und Android. Was in dieser Aufzählung häufig fehlt, ist die simpelste Variante überhaupt – ein Bookmarklet. Ein Lesezeichen, das keine Adresse öffnet, sondern ein kleines Stück JavaScript im Kontext der gerade sichtbaren Webseite ausführt. Zwanzig Jahre alt, oft belächelt, und dennoch in der Praxis erstaunlich nützlich, wenn es um den Weg zurück in die eigene Cloud geht.
Dass dieses Thema gerade jetzt wieder Aufmerksamkeit verdient, hat mehrere Gründe. Zum einen hat sich die Welt der Browser-Erweiterungen in den vergangenen Jahren stark verändert: Manifest V3 in Chromium-basierten Browsern hat viele kleine Helfer obsolet gemacht, Berechtigungen wurden eingeschränkt, Entwickler zogen sich zurück. Zum anderen verfolgen Datenschutz- und Compliance-Vorgaben in Unternehmen eine klare Linie – Third-Party-Tracking in Add-Ons ist unerwünscht. Ein Bookmarklet passt in dieses Umfeld besser als manche Extension, weil es keine zusätzlichen Netzwerkverbindungen aufbaut, außer denen, die der Nutzer selbst anstößt.
Der folgende Beitrag ordnet das Feld. Er beschreibt, welche Bookmarklets im Umfeld von Nextcloud wirklich existieren, welche Aufgaben sie erfüllen, wo die technischen Grenzen liegen und weshalb der Ansatz trotz aller Unkenrufe noch längst nicht überholt ist. Zwischendurch schauen wir auf konkrete Snippets, auf die Buchmarks-App der Nextcloud, auf Alternativen wie Floccus und auf die Frage, wie man Bookmarklets sicher betreibt, ohne sich eine Hintertür ins eigene System zu bauen.
Was ein Bookmarklet technisch ist – und was nicht
Ein Bookmarklet ist formal ein Lesezeichen mit dem URL-Schema javascript:. Statt einer Adresse folgt darauf ausführbarer Code. Klickt der Nutzer es an, führt der Browser diesen Code im aktuellen Dokument aus, mit allen Rechten, die die Seite selbst hat. Das klingt mächtig, ist es aber nur bedingt. Seit Jahren schränken Browser und Sicherheitsrichtlinien den Spielraum ein. Content-Security-Policy-Header (CSP), die Websites zunehmend setzen, verbieten in vielen Fällen die Ausführung von Inline-Skripten – und dazu zählt eben auch das, was per javascript: ankommt. Ein Bookmarklet, das auf einer streng abgesicherten Nachrichtenseite nicht läuft, ist deshalb kein Fehler, sondern ein bewusstes Sicherheitsdesign.
Praktisch relevant sind Bookmarklets vor allem in drei Kategorien: Sie ergänzen eine Seite um Funktionen, die sie nicht mitbringt (etwa „Seite an Nextcloud senden“). Sie erleichtern Routinearbeiten, indem sie URLs, Titel oder markierte Textpassagen in ein Backend überführen. Und sie dienen als Notbehelf, wo Add-ons fehlen. Der Reiz liegt in der Kürze: Ein Bookmarklet ist eine Zeile, manchmal ein paar hundert Byte, die man im Browser anlegen kann, ohne eine Extension zu installieren oder ein Nutzerkonto bei einem Marketplace anzulegen.
Für Nextcloud ist das aus mehreren Gründen spannend. Die Instanz steht unter eigener Kontrolle, oft im eigenen Rechenzentrum oder bei einem vertrauenswürdigen Hoster. Der Datenfluss führt also nicht durch einen unbekannten Vermittler, sondern direkt vom Browser zur Nextcloud. Wer das Bookmarklet selbst schreibt, weiß genau, wohin die Daten gehen. Wer es von irgendwo kopiert, sollte das wiederum prüfen – doch dazu später mehr.
Die Bookmarks-App: der offensichtlichste Anwendungsfall
Die wahrscheinlich bekannteste Berührung zwischen Nextcloud und Bookmarklets betrifft die App Bookmarks. Sie ist eine freie App, die in jeder Nextcloud nachinstalliert werden kann. Sie verwaltet Lesezeichen serverseitig, synchronisiert sie über Browser-Erweiterungen und bietet eine eigene Weboberfläche. Der entscheidende Punkt: Sie liefert selbst ein Bookmarklet mit, das eine aktuell aufgerufene Seite direkt in die eigene Sammlung übernimmt.
Im Backend der Bookmarks-App findet sich dazu ein Eintrag in den Einstellungen, der den JavaScript-Code in voller Länge anzeigt. Nutzer ziehen ihn sich als Lesezeichen in die Favoritenleiste – fertig. Ab diesem Moment führt jeder Klick auf einer beliebigen Webseite zu einem Formular, das Titel und URL vorbelegt. Tags lassen sich gleich mitgeben, Schlagworte sind durchsuchbar, die Sammlung wächst kontrolliert. Wer in der eigenen Nextcloud ohnehin Bookmark-Sync via Floccus betreibt, hat damit eine Art offenes Delicious, nur eben in der eigenen Datenhoheit.
Interessant ist der Blick auf das Innenleben. Die Bookmarks-App verwendet ein Token, das der Nutzer in seinem Konto erzeugt. Damit authentifiziert sich das Bookmarklet gegenüber der eigenen Instanz. Wer genau hinsieht, wird feststellen, dass dieses Token im Klartext in der Favoritenliste liegt – das ist kein Bug, sondern eine Konsequenz der Technik. Wer seine Favoriten über verschiedene Profile, Sync-Dienste oder Rechner verteilt, verbreitet damit auch das Token. Das sollte man wissen und entsprechend handhaben. Ein dediziertes, jederzeit widerrufbares Token ist Pflicht; die Verwendung des Hauptpassworts kommt überhaupt nicht in Betracht.
Das Sharing-Bookmarklet: alt, aber nicht tot
Bereits in Zeiten von ownCloud gab es die Idee eines Sharing-Bookmarklets. Aus der Weboberfläche heraus ließ sich ein Lesezeichen generieren, das eine beliebige externe Seite über den eigenen Server mit Freunden teilt, ohne dass ein Umweg über E-Mail oder Messenger nötig wurde. Die Funktion heißt heute noch Share Link oder in ihrer modernen Ausprägung Teilen per Lesezeichen, je nach Version. Sie ist in den Einstellungen der Files-App versteckt und wird gerne von Neuinstallateuren übersehen.
Der Mechanismus: Das Bookmarklet öffnet ein Nextcloud-Dialogfenster in einem Pop-up, übergibt Titel und URL der aktuellen Seite und legt daraus einen öffentlichen Share-Link mit der Datei an. Aus Sicht des Datenflusses ist das geschickt, weil keine Daten an Dritte gehen. Aus Sicht der Ergonomie ist es manchmal zickig, weil Pop-up-Blocker und CSP-Filter den Dialog abschneiden.
Nicht zuletzt hat sich die Landschaft der Sharing-Dienste verändert. Wer vor zehn Jahren über Twitter und Facebook teilte, teilt heute über Messenger, Obsidian, Notion oder gar nicht. Die klassische Share-Funktion ist damit weniger prominent, aber im Kontext von Nextcloud bleibt sie für einen bestimmten Zweck sinnvoll: Inhalte in die eigene Cloud bringen, nicht in die Cloud eines Dritten. Und dafür ist der Umweg über ein Bookmarklet gelegentlich kürzer als jede Extension.
Eigene Bookmarklets für Nextcloud bauen
Der eigentliche Reiz beginnt dort, wo man Bookmarklets selbst schreibt. Nextcloud lässt sich per OCS-API oder WebDAV sehr gezielt ansprechen. Das Material für ein eigenes Bookmarklet ist damit vorhanden. Wer sich auf die Suche macht, findet im Netz eine Reihe von Beispielen, die von der simplen Notiz-Übergabe bis zum Web-Clipping mit Auswahlübernahme reichen. Der Bauplan ist stets der gleiche: aktuellen Kontext auslesen, an einen Nextcloud-Endpunkt senden, Token im HTTP-Header mitgeben.
Ein Minimalbeispiel: Ausgangspunkt ist ein Bookmarklet, das eine kurze Notiz mit URL und Seitentitel in Nextcloud ablegt. Die Notes-App der Nextcloud akzeptiert POST-Anfragen an einen eigenen API-Pfad, sofern sie aktiviert ist. Ein Einzeiler genügt oft, um einen Eintrag zu erzeugen:
javascript:(function(){
var t=encodeURIComponent(document.title),
u=encodeURIComponent(location.href),
tok='<APP-TOKEN>',
url='https://cloud.example.org/index.php/apps/notes/api/v1/notes';
fetch(url,{method:'POST',
headers:{'Content-Type':'application/json',
'Authorization':'Bearer '+tok},
body:JSON.stringify({title:t,content:u})})
.then(r=>alert('Notiz gespeichert: '+r.status));
})();
Das ist nur ein Skelett. In der Praxis wird man Title und Selection differenzieren, die Antwort prüfen, eventuell Tags mitgeben. Aber das Grundmuster zeigt, was Sache ist: Ein Bookmarklet ist die kürzeste erdenkliche Brücke zwischen einer beliebigen Webseite und dem eigenen Nextcloud-Endpunkt.
Für die Bookmarks-App existiert ein ähnlicher Endpunkt. Wer sein eigenes Bookmarklet bauen möchte, statt das mitgelieferte zu verwenden, kann dort gezielt Parameter setzen oder Tags ergänzen. Der Vorteil: Man entscheidet selbst, welches Token Verwendung findet, und kann es über Sicherheit → Geräte & Sitzungen jederzeit widerrufen.
Bildschirmauswahl mitschicken
Häufig möchte man nicht den ganzen Text einer Seite, sondern nur eine markierte Passage in die Cloud übernehmen. Das lässt sich über die window.getSelection()-Funktion abgreifen. Wer dann zusätzlich einen Screenshot-Rest oder eine Quellenangabe mitgibt, hat eine Art leichtgewichtiges Web-Clipping, das endgültig nichts mehr mit einem klassischen Lesezeichen gemein hat. Anstatt sich eine Extension wie einen Browser-Clipper zu installieren, die vollständigen Zugriff auf alle Tabs verlangt, bleibt ein solches Bookmarklet auf die jeweils aktuelle Seite beschränkt – ein nicht zu unterschätzender Sicherheitsgewinn.
Interessant ist die Kombination mit Markdown. Nextcloud Notes, Deck, Collectives oder auch der File-Upload nach WebDAV verstehen Markdown oder verarbeiten es zumindest unverändert. Ein Bookmarklet, das aus einer Webseite den Haupttext extrahiert, als Markdown formatiert und im richtigen Ordner ablegt, ersetzt damit eine Reihe proprietärer Clipper-Lösungen – und zwar mit zwei Zeilen Konfiguration pro Nutzer statt mit einer Installation pro Browserprofil.
Die Sicherheitsfrage: warum Bookmarklets mehr Aufmerksamkeit brauchen
Bookmarklets sind kein Spielzeug. Sie sind ausführbarer Code, den man von irgendwo aufschnappt und dann mit einem Klick startet. Wer sich das verdeutlicht, erkennt auch die Risiken. Ein manipuliertes Bookmarklet kann Formulardaten auslesen, Session-Cookies abgreifen, wenn sie nicht als HttpOnly markiert sind, oder im Namen des Nutzers Anfragen an die eigene Cloud schicken. Das Schadenspotenzial ist damit vergleichbar mit dem einer bösartigen Browser-Erweiterung – nur ohne die kleine Hürde eines Extension-Reviews.
Für den Umgang mit Nextcloud ergeben sich daraus einige Hausregeln, die sich in der Praxis bewährt haben. Erstens: nur Bookmarklets verwenden, deren Quellcode man gelesen und verstanden hat. Bei den mitgelieferten Nextcloud-Bookmarklets ist das leicht möglich, weil sie in der eigenen Oberfläche sichtbar sind. Bei allem, was man aus Foren oder von GitHub kopiert, gilt besondere Vorsicht. Zweitens: niemals das Hauptkonto-Passwort ins Bookmarklet schreiben. Stattdessen ein App-Token (in der Nextcloud: „App-Passwörter“) anlegen, das nur auf bestimmte Bereiche Zugriff hat und sich jederzeit widerrufen lässt. Drittens: die Berechtigungen dieses Tokens einschränken, wenn die Instanz das zulässt. Nextcloud bietet die Option, Passwörter pro App zu verwalten – bei vielen Endpunkten reicht bereits ein Token, das nur auf die Bookmarks- oder Notes-App wirken kann.
Viertens, und das ist der am häufigsten vernachlässigte Punkt: Bookmarklets werden im lokalen Favoritenprofil gespeichert. Wer sein Browser-Profil über eine Cloud synchronisiert – sei es über Firefox Sync, Chrome Sync, iCloud Keychain oder eine Google-Anmeldung – verteilt damit das Token auf alle Geräte und potenziell auch an den Anbieter dieser Dienste. In Datenschutz-sensiblen Umgebungen ist es deshalb ratsam, das Bookmarklet nicht über den globalen Sync zu verbreiten, sondern pro Gerät manuell einzurichten. Ein wenig unbequem, dafür sauber.
Schließlich lohnt Blick auf die Zielinstanz. Öffentlich erreichbare Nextcloud-Installationen sind im Internet regelmäßig Scan-Zielen ausgesetzt. Wer sein Token zusammen mit einer URL und einem sprechenden Bookmarklet-Namen in Umlauf bringt, hilft potenziellen Angreifern, die Kombination zu erkennen. Aus diesem Grund sollten Bookmarklets einen neutralen Anzeigenamen tragen – „Notiz speichern“ statt „An Nextcloud prod-01 mit Token 8f3a… senden“.
CSP, Browser-Politik und die Grenzen der Technik
Man tut gut daran, sich die technischen Grenzen bewusst zu machen, bevor man stundenlang an einem Bookmarklet bastelt, das am Ende in der wichtigsten Umgebung nicht läuft. Der größte Feind ist Content Security Policy. Seiten wie GitHub, die Nachrichtenportale großer Verlage oder moderne SaaS-Oberflächen setzen strikte Policies, die javascript:-URLs unterbinden. Das ist keine Ausnahme, sondern die Regel. In solchen Fällen hilft nur ein Workaround: Bookmarklet öffnet ein eigenes Fenster, das den gewünschten Kontext (URL, Titel, Auswahl) aus einem Query-String erhält. Der eigentliche Code läuft dann auf einer selbst kontrollierten Mini-Seite – gerne auch auf derselben Nextcloud unter einem speziellen Pfad. So umgeht man die Policy, ohne sie zu brechen.
Hinzu kommen Browserspezifika. Chrome und Edge sind strenger als Firefox, Safari hält sich traditionell an eigene Regeln und blockiert bestimmte APIs in Bookmarklets. Wer beruflich mit mehreren Browsern unterwegs ist, sollte sein Bookmarklet testen, bevor er sich darauf verlässt. Ein weiteres Problem ist die Länge. Manche Browser begrenzen Bookmarklet-URLs auf wenige Kilobyte. Wer viel Code unterbringen will, sollte ihn minifizieren – oder, besser, per fetch() nachladen. Beim Nachladen greift allerdings wieder CSP, wenn die Ausführungsumgebung des Bookmarklets selbst eingeschränkt ist.
Auch mobile Browser kennen Bookmarklets nur eingeschränkt. iOS-Safari versteckt Lesezeichen tief, und die Adressleiste akzeptiert das javascript:-Schema nur, wenn man es manuell eintippt. Auf Tablets und Smartphones ist die Technik damit unpraktikabel. Hier spielen die offiziellen Nextcloud-Apps ihre Stärke aus: Teilen-Dialog, Auto-Upload, Offline-Sync. Bookmarklets bleiben dem Desktop vorbehalten – dafür funktionieren sie dort zuverlässig.
Alternativen: Extensions, Floccus und der Share-Target-Ansatz
Wer sich mit Bookmarklets für Nextcloud beschäftigt, kommt nicht umhin, die Alternativen einzubeziehen. Die wichtigste ist sicherlich Floccus, eine freie Browser-Erweiterung, die Lesezeichen zwischen verschiedenen Browsern und Nextcloud-Bookmarks synchronisiert. Floccus nutzt das WebDAV-Interface der Bookmark-Sammlung und arbeitet bidirektional. Das ist deutlich komfortabler als ein Bookmarklet, hat aber einen Preis: Die Extension verlangt weitreichende Berechtigungen im Browser und läuft auf allen Tabs.
Für technisch versierte Anwender kann das ein vertretbarer Kompromiss sein. Floccus ist quelloffen, wird aktiv gepflegt und lässt sich auf die Bookmarks-App begrenzen. Wer jedoch grundsätzlich auf Erweiterungen verzichten will, für den bleibt das Bookmarklet. Auch die offiziellen Nextcloud-Browser-Erweiterungen gehen in diese Richtung. Sie bieten Share-Funktionen, teils auch Notizen. Manifest V3 hat deren Handlungsspielraum in Chromium-basierten Browsern jedoch spürbar eingeschränkt.
Eine weitere Variante ist der Web Share Target. Auf Android kann eine PWA wie Nextcloud als Ziel für den Teilen-Dialog registriert werden. Der Effekt ist ähnlich wie bei einem Bookmarklet, aber systemweit und ohne JavaScript im Favoritenbuch. Auf dem Desktop ist diese Funktion bislang kaum verbreitet. Firefox hat experimentelle Ansätze, Chrome hält sich bislang zurück.
Ein interessanter Aspekt: Die drei Ansätze – Bookmarklet, Extension, Share-Target – schließen sich nicht aus. Wer die maximale Abdeckung will, betreibt sie parallel: Das Bookmarklet für den schnellen Desktop-Zugriff, Floccus für die dauerhafte Synchronisation, den Share-Target für das mobile Endgerät. Die Nextcloud wird damit zu einem Knotenpunkt, nicht zu einer Insel.
Praxisbeispiel: ein Rezept-Bookmarklet für die eigene Instanz
Um das Prinzip konkret zu machen, ein durchgerechnetes Beispiel. Angenommen, man administriert eine Nextcloud für eine kleine Redaktion. Redakteure stoßen regelmäßig auf Webseiten, die als Quelle archiviert werden müssen. Der klassische Weg – Kopieren in eine E-Mail oder in ein Word-Dokument – ist fehleranfällig, weil URLs verloren gehen oder nicht mehr stimmen. Ein eigenes Bookmarklet lässt sich mit wenigen Zeilen bauen und legt pro Klick eine Datei mit Metadaten im Files-Bereich an.
Der Ablauf: Ein Nutzer erstellt in der Nextcloud unter „Sicherheit → App-Passwörter“ ein Token, gibt ihm einen sprechenden Namen und notiert das Geheimnis. Der Administrator legt im Files-Bereich einen Ordner Recherche/ an, in dem die Einträge gesammelt werden. Der Redakteur zieht folgendes Bookmarklet in seine Lesezeichenleiste (URL gekürzt):
javascript:(function(){
var d=new Date().toISOString().slice(0,10),
slug=document.title.replace(/[^a-zA-Z0-9]+/g,'-').toLowerCase().slice(0,60),
body='URL: '+location.href+'\n\n'+'Autor(en): '+document.querySelector('meta[name=author]')?.content,
blob=new Blob([body],{type:'text/markdown'}),
tok='<APP-TOKEN>',
target='https://cloud.example.org/remote.php/dav/files/USER/Recherche/'+d+'-'+slug+'.md';
fetch(target,{method:'PUT',
headers:{'Authorization':'Bearer '+tok,
'Content-Type':'text/markdown'},
body:blob}).then(r=>r.ok?
console.log('gespeichert: '+target):
alert('Fehler: '+r.status));
})();
Für WebDAV funktioniert das direkt, weil Nextcloud den klassischen PUT akzeptiert. Der Nutzer muss lediglich das Token eintragen, den Zielpfad anpassen und den Slug-Wunsch eventuell verfeinern. Nach wenigen Minuten steht ein Werkzeug, das Redakteure im Alltag entlastet, das die Quellenlage verbessert und das ohne Cloud eines Dritten auskommt.
Wer den Fall weiterdenkt, ergänzt einen Screenshot der Seite oder – falls markiert – den ausgewählten Text. Den Screenshot könnte man aus dem html2canvas-Projekt beziehen; das Text-Snippet liefert die Selection-API. Beide werden per fetch() als zweite Datei mit gleichem Basisnamen hochgeladen. Damit ist man bei einer rudimentären Web-Clipping-Lösung angelangt, die sich in der Praxis erstaunlich robust verhält.
Bookmarklets in einer föderierten Cloud-Umgebung
Spannend wird die Sache, wenn die Nextcloud Teil einer Föderation ist. Nextcloud unterstützt Federation Sharing seit Jahren, und viele Organisationen tauschen Inhalte über offene Freigaben zwischen Instanzen aus. Ein Bookmarklet, das eine URL in die eigene Cloud übernimmt, kann so konfiguriert werden, dass es den Inhalt gleich mit einem bestimmten Föderationspartner teilt. Der Redakteur markiert also eine Quelle, das Bookmarklet legt sie in einem Freigabe-Ordner ab, die Freigabe ist auf den externen Partner beschränkt. So lässt sich ein Rechercheprozess über mehrere Instanzen hinweg abbilden, ohne dass E-Mails oder Chatverläufe dazwischenliegen.
Der Mechanismus ist unspektakulär, setzt aber voraus, dass die Sharing-API stabil nutzbar ist. Nextcloud hat die öffentlichen Endpunkte in den vergangenen Jahren mehrfach leicht verändert, was dazu geführt hat, dass ältere Bookmarklets stillschweigend aufhörten zu funktionieren. Ein Grund mehr, eigene Bookmarklets selbst zu pflegen und bei Updates der Instanz kurz zu prüfen, ob die Zielendpunkte noch erwartungsgemäß antworten.
Wartung, Weiterentwicklung, Zukunft
Bookmarklets sind pflegeleicht, aber nicht pflegefrei. Wer ein Bookmarklet produktiv einsetzt, sollte drei Dinge regelmäßig prüfen. Erstens: Läuft es noch auf den Seiten, auf denen es gebraucht wird? Zweitens: Ist das verwendete Token noch gültig – und wenn ja, hat es noch die vorgesehene Berechtigung? Drittens: Wurde das Bookmarklet nicht versehentlich durch eine Cloud-Synchronisation des Browserprofils verbreitet?
Mittelfristig ist damit zu rechnen, dass Content-Security-Policies weiter verschärft werden. Die klassische Bookmarklet-Ausführung im Kontext einer Fremdseite wird seltener werden. Wer sein Tooling zukunftsfest bauen will, verwendet von vornherein die Zwei-Stufen-Variante: Das Bookmarklet öffnet ein eigenes Pop-up auf einer kontrollierten Domain, die den nächsten Schritt übernimmt. Die Web-Share-API und PWA-Share-Targets gewinnen damit weiter an Boden – zumindest auf mobilen Plattformen. Auf dem Desktop wird die Bookmarklet-Technik dagegen noch eine ganze Weile Bestand haben, gerade im Umfeld selbst gehosteter Anwendungen.
Nicht zuletzt ist die Nextcloud selbst in Bewegung. Die Bookmarks-App bekommt regelmäßig Updates, das Notes-API wurde erweitert, die OCS-Endpunkte sind stabiler geworden. Wer heute ein sauberes Bookmarklet schreibt, muss in zwei Jahren nicht zwangsläufig alles neu bauen. Wer sich die Mühe macht, den Code quer durch die eigene Nutzerschaft zu verteilen, sollte ihn dennoch zentral dokumentieren – zum Beispiel als Notiz im Admin-Bereich der Instanz oder als Wiki-Seite. Denn diese Technik lebt von Transparenz, nicht von Magie.
Fazit: eine kleine Technik mit erstaunlichem Nutzen
Bookmarklets sind alt. Sie sind unscheinbar, sie sind oft mit Fallstricken gepflastert, und moderne Websiten machen es ihnen zunehmend schwer. Und dennoch: In Verbindung mit Nextcloud leisten sie etwas, das weder die Desktop-Clients noch die klassischen Erweiterungen immer sauber hinbekommen – sie verkürzen den Weg vom Browser zur eigenen Cloud auf einen einzigen Klick, bleiben dabei quelloffen, transparent und vom Nutzer kontrollierbar. Wer die Spielregeln kennt, wer ein sauberes Token verwendet und wer sich bewusst ist, wo CSP und Pop-up-Blocker zuschlagen, hat mit wenigen Zeilen ein mächtiges Werkzeug zur Hand.
Natürlich ist das kein Ersatz für Floccus, keine Alternative zu den offiziellen Apps und auch kein Allheilmittel für jedes Problem. Aber als Ergänzung im Werkzeugkasten einer selbst gehosteten Cloud-Umgebung ist das Bookmarklet ein kleines Bauteil, das überraschend viel Kraft entfaltet. Ein bisschen wie Nextcloud selbst: unaufgeregt, quelloffen, und genau dann am stärksten, wenn man die Dinge selbst in der Hand halten möchte.