Nextcloud Von der Dateifreigabe zur eigenen Cloud Plattform

Nextcloud: Vom Dateiaustausch zur eigenen Cloud-Plattform

Es gibt diese Momente in Projekten, in denen plötzlich alle Beteiligten dieselbe Frage stellen: Wo liegen unsere Daten eigentlich, und wer kann darauf zugreifen? Spätestens wenn eine Behörde, ein Klinikum oder ein mittelständischer Maschinenbauer diese Frage nicht mehr mit einem Schulterzucken beantworten will, landet man früher oder später bei Nextcloud. Die Software hat sich in den vergangenen zehn Jahren von einem Fork der alten ownCloud zu einer der meistgenutzten Open-Source-Plattformen für Dateiaustausch, Zusammenarbeit und Groupware entwickelt. Wer sich heute mit ihr beschäftigt, sollte allerdings wissen: Nextcloud ist kein fertiges Produkt, sondern eher ein Baukasten. Genau darin liegt die Stärke – und die Herausforderung.

Der folgende Beitrag versucht, das Ökosystem in seiner ganzen Breite zu beleuchten. Es geht um Architektur, Betrieb, Sicherheit, Kosten, Migration und nicht zuletzt um die Frage, wie sich Nextcloud gegenüber den sogenannten Close-Plattformen behauptet – also jenen proprietären Ökosystemen, deren Code nicht einsehbar ist und deren Betrieb vollständig in der Hand eines Anbieters liegt. Das ist kein Nebenpunkt, sondern der Kern vieler strategischer Entscheidungen.

Was Nextcloud heute ist – und was nicht

Wer Nextcloud zum ersten Mal installiert, sieht zunächst eine Weboberfläche mit Dateiverwaltung. Das erinnert an Dropbox oder Google Drive, ist aber nur die Oberfläche. Hinter dem Login verbirgt sich ein App-Framework, das sich um Files herum aufgebaut hat. Kalender, Kontakte, Aufgaben, Notizen, Chat, Videokonferenzen, kollaborative Textbearbeitung, Formulare, Kanban-Boards, Passwortverwaltung – all das sind Apps, die auf derselben Basis laufen und denselben Benutzer- und Rechteapparat nutzen. Diese Konsistenz ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Man meldet sich einmal an und bewegt sich in einem zusammenhängenden System, statt für jede Funktion ein eigenes Silo zu betreiben.

Technisch basiert Nextcloud auf PHP, genauer auf einer eigenen Anwendungsschicht, die auf einem Webserver (üblicherweise Apache oder nginx) läuft. Als Datenbank kommen MariaDB, MySQL, PostgreSQL oder SQLite zum Einsatz, wobei SQLite in produktiven Umgebungen allenfalls für sehr kleine Installationen taugt. Der eigentliche Dateispeicher kann lokal auf einem Filesystem liegen oder per Object Storage angebunden werden – dazu später mehr. Diese klassische LAMP-artige Architektur hat den Vorteil, dass sie auf nahezu jeder Hosting-Umgebung läuft. Sie hat aber auch den Nachteil, dass sie bei falscher Dimensionierung schnell zum Flaschenhals wird.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem, was die Nextcloud GmbH selbst entwickelt, und dem, was aus der Community oder von Partnerfirmen kommt. Der Kern, also Files, Sharing, Benutzerverwaltung, die zentrale App-Verwaltung und einige Basis-Apps, wird maßgeblich vom Unternehmen in Stuttgart vorangetrieben. Viele der spannenden Erweiterungen – etwa die Office-Integration – stammen dagegen von externen Anbietern wie Collabora oder OnlyOffice. Diese Aufteilung ist kein Makel, sondern ein Stück gelebter Open-Source-Praxis. Sie bedeutet aber auch, dass man als Betreiber genau hinschauen muss, welche Komponenten man eigentlich einsetzt und wer sie pflegt.

Betriebsmodelle: Selbst hosten, managed oder als Appliance

Nextcloud lässt sich auf sehr unterschiedliche Weise betreiben, und die Wahl des Modells hat weitreichende Konsequenzen. Wer die volle Kontrolle will, installiert auf eigener Hardware oder in einer eigenen virtuellen Maschine. Das ist der klassische Self-Hosting-Weg. Er erfordert Know-how in den Bereichen Linux, Webserver, Datenbanken, Zertifikatsverwaltung, Backup und Monitoring. Wer diese Kompetenzen im Haus hat, fährt gut damit. Wer sie nicht hat, sollte ehrlich kalkulieren, ob der Aufbau dieser Kompetenzen günstiger ist als ein Managed-Service.

Für viele Organisationen ist Managed Hosting der pragmatische Mittelweg. Anbieter wie Hetzner, IONOS, Strato oder spezialisierte Dienstleister betreiben die Instanz, kümmern sich um Updates, Backups und Skalierung, während der Kunde weiterhin Herr über seine Daten bleibt. Das ist ein entscheidender Unterschied zu den großen Cloud-Suiten: Der Auftragsverarbeiter hat Zugriff auf die Infrastruktur, aber die Datenhoheit bleibt beim Kunden, sofern die Verträge entsprechend gestaltet sind.

Seit einigen Jahren gibt es zudem die All-in-One-Installation (AIO), die Docker-Container nutzt, um eine vollständige Nextcloud inklusive Datenbank, Redis, Reverse Proxy und Office-Server aufzusetzen. Das senkt die Einstiegshürde erheblich. Für kleinere Umgebungen, Testinstallationen oder Vereine ist das eine feine Sache. Für große, gewachsene Landschaften ist es dagegen nicht immer die richtige Wahl, weil Container-Orchestrierung, Backup-Konzepte und Monitoring dann doch wieder eigene Entscheidungen verlangen.

Wer auf Nummer sicher gehen will, setzt auf ein klassisches Setup mit getrennten Rollen: Webserver, Datenbank, Cache, Object Storage, Reverse Proxy. Das klingt aufwendig, ist es auch – aber es erlaubt, jede Komponente einzeln zu skalieren und zu überwachen. Nicht zuletzt aus Gründen der Ausfallsicherheit ist das oft die vernünftigere Variante.

Skalierung und Performance: Wo die Musik spielt

Nextcloud-Instanzen, die nur für ein paar Dutzend Nutzer ausgelegt sind, laufen erstaunlich genügsam. Sobald aber mehrere hundert oder tausend Personen darauf zugreifen, wird es interessant. Dann entscheidet nicht mehr die PHP-Version über das Erlebnis, sondern die Architektur dahinter. Ein zentraler Hebel ist der Cache. Redis – oder alternativ APCu – nimmt der Datenbank einen Großteil der Arbeit ab, insbesondere bei Sitzungen, Dateisperren und Metadaten. Wer Redis weglässt, bekommt früher oder später Probleme mit der Nebenläufigkeit.

Ein zweiter Hebel ist die Datenbank. MariaDB oder PostgreSQL sollten mit ausreichend RAM, sinnvollen Puffergrößen und einem Speichermedium betrieben werden, das nicht schon durch andere Dienste ausgelastet ist. Das klingt trivial, wird aber in der Praxis erstaunlich oft ignoriert. Eine Nextcloud, die auf einer überbuchten virtuellen Maschine mit einer Datenbank auf demselben Datenträger wie der Dateispeicher läuft, wird bei Lastspitzen schlicht unbenutzbar.

Der dritte Hebel ist der Dateispeicher selbst. Für größere Umgebungen empfiehlt sich Object Storage, etwa über S3-kompatible Dienste. Nextcloud kann primären Speicher, also die Nutzerdateien, direkt dorthin auslagern. Das entkoppelt die Daten vom Anwendungsserver und erlaubt eine Skalierung, die mit einem klassischen NFS-Share nur mühsam zu erreichen wäre. Ein weiterer Vorteil: Backups und Replikation lassen sich auf Storage-Ebene lösen, statt einzelne Dateien kopieren zu müssen.

Schließlich lohnt der Blick auf den Webserver. PHP-FPM mit einer sauber dimensionierten Prozessverwaltung, dazu nginx als Reverse Proxy, der statische Inhalte und TLS-Terminierung übernimmt – das ist die übliche Empfehlung. Wer zusätzlich einen Varnish-Cache oder einen vorgelagerten CDN-Layer betreibt, kann gerade bei vielen kleinen Dateien und häufigen Wiederholungen viel gewinnen. Allerdings: Caching und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung vertragen sich nicht immer, dazu später mehr.

Zusammenarbeit: Talk, Office, Groupware und mehr

Nextcloud wird oft auf Dateisynchronisation reduziert. Das wird der Sache nicht gerecht. Mit Nextcloud Talk steht eine eigene Chat- und Videokonferenzlösung bereit, die sich vollständig selbst betreiben lässt. Das ist für Organisationen interessant, die keine Meeting-Inhalte an externe Anbieter abgeben möchten. Talk kann mit einem eigenen TURN-Server betrieben werden, um auch bei restriktiven Netzwerken stabile Verbindungen zu ermöglichen. Die Qualität hängt dabei maßgeblich von der Dimensionierung ab – Videokonferenzen sind ressourcenhungrig, und wer glaubt, das nebenbei auf einer kleinen VM zu betreiben, wird schnell eines Besseren belehrt.

Für kollaboratives Arbeiten an Dokumenten gibt es im Wesentlichen zwei Wege: Collabora Online und OnlyOffice. Collabora ist ein auf LibreOffice basierender Server, der Dokumente im Browser bearbeitet und die Änderungen in Echtzeit an die Nextcloud zurückmeldet. OnlyOffice verfolgt einen ähnlichen Ansatz, bringt aber eine eigene Benutzeroberfläche und ein eigenes Formatverständnis mit. Beide Lösungen haben ihre Stärken. Collabora punktet mit Nähe zum LibreOffice-Ökosystem und vergleichsweise schlanker Integration. OnlyOffice wird oft als vertrauter für Nutzer beschrieben, die aus Microsoft Office kommen, und bietet teilweise eine bessere Formatkompatibilität bei komplexen Word- oder Excel-Dateien. Die Wahl ist am Ende eine Frage der Anforderungen, nicht des Glaubens.

Für Groupware – also Mail, Kalender, Kontakte und Aufgaben – bringt Nextcloud eigene Apps mit. Der Kalender spricht CalDAV, die Kontakte CardDAV, sodass sich nahezu jede gängige Clientsoftware anbinden lässt. Thunderbird, Apple Mail, iOS, Android, Outlook über Umwege – all das funktioniert, wenn auch nicht immer mit dem gleichen Komfort wie in geschlossenen Ökosystemen. Wer Groupware ernsthaft produktiv nutzen will, sollte sich mit Themen wie Kalenderfreigaben, Ressourcenverwaltung und Mailserver-Anbindung intensiv beschäftigen. Hier zeigt sich, dass Nextcloud kein fertiges Exchange-Pendant ist, sondern ein Baukasten, der sorgfältig konfiguriert werden will.

Sicherheit: Ein weites Feld

Nextcloud selbst bringt eine Reihe von Sicherheitsfunktionen mit. Dazu gehören Zwei-Faktor-Authentifizierung, Brute-Force-Schutz, IP-Whitelisting, App-Passwörter und eine Rechtestruktur, die sich über Gruppen und Freigaben steuern lässt. Auch die serverseitige Verschlüsselung ist möglich, wobei sie mit Bedacht eingesetzt werden sollte: Sie schützt gegen gestohlene Datenträger, nicht gegen einen kompromittierten Server. Wer den Server kontrolliert, kontrolliert in der Regel auch die Schlüssel.

Für besonders sensible Daten gibt es die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung (E2EE). Sie ist in Nextcloud implementiert, allerdings mit Einschränkungen. So lassen sich verschlüsselte Ordner nicht ohne Weiteres durchsuchen, und einige Funktionen wie die serverseitige Vorschau oder die Office-Bearbeitung stehen nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung. Das ist kein Bug, sondern eine logische Konsequenz: Was der Server nicht lesen kann, kann er auch nicht indizieren oder konvertieren. Wer E2EE nutzt, muss sich über diese Trade-offs im Klaren sein.

Ein oft unterschätzter Punkt ist die Angriffsfläche durch Apps. Nextcloud hat einen App-Store, und nicht jede App ist von gleicher Qualität. Wer wahllos Erweiterungen installiert, öffnet potenziell Türen. In regulierten Umgebungen empfiehlt es sich, einen festen Satz geprüfter Apps zu definieren und neue Erweiterungen nur nach Prüfung zuzulassen. Dasselbe gilt für Updates: Nextcloud selbst veröffentlicht regelmäßig Sicherheitsupdates, und wer diese nicht zeitnah einspielt, handelt fahrlässig. Automatisierte Update-Prozesse, etwa über Container-Images oder Paketquellen, helfen, sind aber kein Ersatz für ein funktionierendes Patch-Management.

Datenschutz, Compliance und regulatorische Anforderungen

Für viele Organisationen ist Datenschutz der eigentliche Grund, sich mit Nextcloud zu beschäftigen. Die DSGVO verlangt, dass personenbezogene Daten rechtmäßig, zweckgebunden und sicher verarbeitet werden. Wer Daten in einer öffentlichen Cloud eines US-Anbieters speichert, muss sich mit Fragen der Auftragsverarbeitung, der Übermittlung in Drittländer und der möglichen Offenlegung gegenüber Behörden auseinandersetzen. Das ist nicht unmöglich, aber aufwendig. Eine selbst betriebene oder in der EU gehostete Nextcloud-Instanz vereinfacht diese Fragen erheblich, weil der Verantwortliche die Infrastruktur kontrolliert.

Dabei ist Self-Hosting kein Automatismus für Datenschutz. Auch eine eigene Instanz muss ordentlich konfiguriert, abgesichert und dokumentiert werden. Ein Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten, ein Löschkonzept, ein Berechtigungskonzept und ein Notfallplan gehören dazu. Nextcloud unterstützt dabei mit Audit-Logs, Aufbewahrungsfristen und granularen Freigabeeinstellungen. In Behörden und Unternehmen mit strengen Anforderungen sind zudem Themen wie Mandantenfähigkeit, Verschlüsselung und revisionssichere Protokollierung wichtig. Hier zeigt sich, dass Nextcloud durchaus in regulierte Umgebungen passt – aber nur, wenn der Betrieb professionell aufgesetzt ist.

Kosten und Total Cost of Ownership

Ein häufiges Missverständnis lautet, Open Source sei kostenlos. Das ist sie im Sinne der Lizenz, aber nicht im Sinne des Betriebs. Wer Nextcloud selbst hostet, spart Lizenzgebühren, investiert aber in Hardware, Personal, Schulung und Wartung. Diese Kosten sind real und sollten ehrlich kalkuliert werden. Ein erfahrener Administrator, der sich um eine Nextcloud-Instanz kümmert, ist nicht umsonst zu haben. Hinzu kommen Ausgaben für Backups, Redundanz, Monitoring und gegebenenfalls Supportverträge mit der Nextcloud GmbH oder einem Partner.

Dem stehen Einsparungen gegenüber, die sich nicht immer sofort in der Bilanz zeigen. Wer proprietäre Cloud-Speicherplätze pro Nutzer und Monat bezahlt, zahlt langfristig oft mehr, als es zunächst den Anschein hat. Hinzu kommen die Kosten des Lock-ins: Migration von Daten, Anpassung von Prozessen, Schulung von Mitarbeitenden, Neuentwicklung von Integrationen. Wer einmal tief in einem geschlossenen Ökosystem steckt, zahlt beim Ausstieg doppelt. Aus dieser Perspektive relativiert sich so manche Ersparnis.

Ein interessanter Aspekt: Viele Organisationen betreiben Nextcloud nicht, um Geld zu sparen, sondern um Abhängigkeiten zu reduzieren und Kontrolle zurückzugewinnen. Das ist ein strategisches Motiv, kein betriebswirtschaftliches. Und es ist legitim. Wer die Hoheit über seine Infrastruktur behalten will, muss bereit sein, in diese Hoheit zu investieren.

Nextcloud und Close: Abgrenzung zu geschlossenen Ökosystemen

Der Begriff „Close“ taucht in Diskussionen um Nextcloud immer wieder auf – meist als Kurzform für Closed-Source-Ökosysteme, also für Plattformen, deren Quellcode nicht einsehbar ist und deren Betrieb vollständig vom Anbieter kontrolliert wird. Die bekanntesten Vertreter sind Microsoft 365, Google Workspace und Dropbox. Sie bieten einen hohen Komfort, eine ausgereifte Benutzeroberfläche und eine tiefe Integration in ihre jeweiligen Ökosysteme. Wer einmal mit Microsoft Teams, SharePoint und OneDrive gearbeitet hat, weiß, wie reibungslos das ineinandergreifen kann.

Der Preis dafür ist Bindung. Wer seine Dokumente in einem geschlossenen Format speichert, seine Kommunikation über einen proprietären Dienst abwickelt und seine Identitäten in einem fremden Verzeichnis verwaltet, gibt Kontrolle ab. Das muss nicht per se schlecht sein. Für viele Organisationen ist es eine bewusste Entscheidung, Bequemlichkeit gegen Souveränität zu tauschen. Kritisch wird es dann, wenn diese Entscheidung nicht bewusst getroffen wird, sondern sich einfach ergibt – weil die Bequemlichkeit überzeugt und die langfristigen Konsequenzen übersehen werden.

Nextcloud positioniert sich als Gegenentwurf. Der Code ist offen, die Datenformate sind offen, die Schnittstellen sind dokumentiert. Wer will, kann die Plattform verlassen, ohne seine Daten zurückzulassen. Das ist ein entscheidender Unterschied. Allerdings: Open Source allein garantiert keine Souveränität. Auch eine Nextcloud kann so betrieben werden, dass man von einem einzelnen Anbieter abhängig wird – etwa wenn man alle Funktionen über einen Managed-Service bezieht, der eigene Anpassungen vornimmt und den Wechsel erschwert. Souveränität ist am Ende eine Frage der Architektur und der Verträge, nicht nur der Lizenz.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage der Interoperabilität. Nextcloud unterstützt offene Standards wie WebDAV, CalDAV, CardDAV und OAuth. Das erlaubt die Anbindung an bestehende Systeme und erleichtert Migrationen. Wer aus einem geschlossenen Ökosystem kommt, kann in der Regel schrittweise umziehen: zunächst die Dateien, dann die Kalender, dann die Kommunikation. Das ist mühsam, aber machbar. Wer den umgekehrten Weg geht – also von Nextcloud zu einem Closed-Anbieter – hat es oft leichter, weil die Anbieter exportschwache Formate undImportwerkzeuge bereitstellen. Auch das ist ein Aspekt, der in Entscheidungen einfließen sollte.

Migration in der Praxis: Von der Closed-Cloud zur eigenen Instanz

Wer den Wechsel wagt, sollte ihn als Projekt behandeln, nicht als IT-Nebenaufgabe. Am Anfang steht die Bestandsaufnahme: Welche Daten liegen wo, wer greift darauf zu, welche Prozesse hängen daran? Danach folgt die Zielarchitektur: Welche Nextcloud-Version, welches Hosting-Modell, welche Apps, welche Speicher-Backends? Erst dann beginnt die eigentliche Migration.

Für Dateien gibt es mehrere Wege. Bei kleinen Datenmengen reicht ein manueller Upload über die Weboberfläche oder den Desktop-Client. Bei größeren Mengen empfiehlt sich der Nextcloud-Client in Verbindung mit einer synchronisierten Ordnerstruktur oder der Import über die occ-Kommandozeile. Für Kalender und Kontakte bieten sich CalDAV- und CardDAV-Synchronisation an, etwa über Thunderbird oder spezialisierte Migrationstools. Wer aus Microsoft 365 kommt, kann zudem auf Werkzeuge zurückgreifen, die Postfächer, Kalender und OneDrive-Inhalte exportieren und in Nextcloud-kompatible Formate überführen.

Die technische Migration ist allerdings nur die halbe Miete. Der schwierigere Teil ist die Akzeptanz. Mitarbeitende, die jahrelang mit einer vertrauten Oberfläche gearbeitet haben, werden nicht automatisch begeistert sein. Schulungen, klare Kommunikation und eine sauber konfigurierte Umgebung sind entscheidend. Nichts ist schlimmer als eine Nextcloud, die langsam läuft, deren Clients ständig Fehler werfen und bei der die Suche nicht funktioniert. Wer den Wechsel will, muss ihn ordentlich machen – sonst wird er scheitern, und zwar nicht an der Technik, sondern an der Erfahrung der Nutzer.

Ökosystem, Community und kommerzieller Support

Nextcloud ist kein Projekt, das im luftleeren Raum existiert. Es gibt eine große Community, die Apps entwickelt, Fehler meldet, Dokumentation schreibt und in Foren hilft. Es gibt die Nextcloud GmbH, die den Kern vorantreibt und kommerziellen Support anbietet. Es gibt Partnerunternehmen, die sich auf Hosting, Integration oder Beratung spezialisiert haben. Und es gibt eine wachsende Zahl von Organisationen, die auf Nextcloud setzen – von Kommunen über Hochschulen bis zu mittelständischen Unternehmen.

Diese Vielfalt ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Sie bedeutet aber auch, dass man sich orientieren muss. Nicht jede App ist gepflegt, nicht jeder Anbieter hat echte Nextcloud-Expertise, nicht jede Integrationslösung ist zukunftssicher. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte auf etablierte Anbieter setzen, auf dokumentierte Schnittstellen achten und nicht jede Erweiterung ungeprüft übernehmen. Der App-Store ist ein Segen, aber kein Qualitätssiegel.

Ausblick: KI, Föderation und offene Clouds

Nextcloud hat in den vergangenen Jahren begonnen, Funktionen rund um künstliche Intelligenz zu integrieren. Dazu gehören Assistenten, die Texte zusammenfassen, Übersetzungen anbieten oder Inhalte durchsuchen. Wichtig ist dabei der Ansatz, diese Funktionen lokal oder über selbst gehostete Modelle zu betreiben. Das unterscheidet sie von KI-Diensten, die Daten in externe Clouds abfließen lassen. Ob das in der Praxis immer gelingt, ist eine offene Frage. Die Richtung aber ist klar: KI-Funktionen sollen souverän betreibbar sein.

Ein weiteres Thema ist die Föderation. Nextcloud unterstützt das Open Cloud Mesh, einen Standard, der es erlaubt, Freigaben zwischen verschiedenen Nextcloud-Instanzen und anderen kompatiblen Systemen auszutauschen. In einer Welt, in der viele Organisationen ihre eigenen Clouds betreiben, ist das ein wichtiger Baustein. Man stelle sich vor, eine Hochschule und eine Behörde tauschen Dateien aus, ohne dass eine zentrale Plattform dazwischengeschaltet ist. Das ist technisch möglich und wird bereits praktiziert, wenn auch noch nicht flächendeckend.

Ob sich Nextcloud langfristig gegen die großen Closed-Plattformen behaupten kann, ist schwer vorherzusagen. Die Komfortvorteile der geschlossenen Ökosysteme sind enorm, und viele Nutzer werden sie nicht freiwillig aufgeben. Aber es gibt einen wachsenden Bedarf an Alternativen, getrieben von Regulierung, geopolitischen Unsicherheiten und einem gestiegenen Bewusstsein für digitale Souveränität. Nextcloud ist gut positioniert, um diesen Bedarf zu bedienen – nicht als perfekte Kopie von Microsoft 365 oder Google Workspace, sondern als eigenständige, offene Alternative mit eigenen Stärken und Schwächen.

Eine nüchterne Einschätzung

Nextcloud ist kein Selbstläufer. Es ist eine mächtige Plattform, die viel kann, aber auch viel verlangt. Wer sie ernsthaft betreiben will, braucht technisches Know-how, organisatorische Unterstützung und Geduld. Wer diese Voraussetzungen mitbringt, bekommt eine Lösung, die Kontrolle, Datenschutz und Unabhängigkeit bietet – Werte, die in den kommenden Jahren eher an Bedeutung gewinnen dürften.

Die Auseinandersetzung mit geschlossenen Ökosystemen ist dabei kein Entweder-oder. Viele Organisationen werden hybride Szenarien fahren: Nextcloud für sensible Daten und interne Zusammenarbeit, Closed-Plattformen für ausgewählte Anwendungsfälle. Das ist pragmatisch und oft vernünftig. Entscheidend ist, dass die Wahl bewusst erfolgt und nicht aus Bequemlichkeit. Denn am Ende geht es nicht um Software, sondern um die Frage, wer die Kontrolle über die eigene digitale Infrastruktur hat. Nextcloud gibt diese Kontrolle zurück – wenn man bereit ist, sie auszufüllen.