Die stille Revolution: Warum Nextcloud mehr ist als nur ein weiterer Cloud-Speicher
Man kann es kaum noch hören, das Wort von der digitalen Souveränität. In jeder Pressekonferenz, jeder Produktankündigung wird es bemüht, oft ohne jedes Substanz. Doch wenn es einen Ort gibt, an dem dieser Begriff wirklich mit Leben gefüllt wird, dann ist es die Welt der selbstgehosteten Cloud-Dienste. Und hier, das lässt sich nach Jahren der Beobachtung sagen, hat sich Nextcloud als das Maß der Dinge etabliert – nicht trotz, sondern wegen seines Open-Source-Charakters. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine Community und ein Unternehmen gemeinsam etwas aufbauen können, das kommerziellen Produkten nicht nur ebenbürtig ist, sondern sie in puncto Kontrolle und Flexibilität weit hinter sich lässt.
Ein interessanter Aspekt ist dabei die Geschichte. Nextcloud ist ja bekanntlich ein Fork von ownCloud, entstanden aus Unstimmigkeiten über die strategische Ausrichtung. Wer hätte damals gedacht, dass dieser Ableger die Muttergesellschaft so deutlich überflügeln würde? Dabei zeigt sich, was passiert, wenn eine Gemeinschaft von Entwicklern und Administratoren wirklich an einem Strang zieht. Heute steht Nextcloud für eine Plattform, die weit über das einfache Teilen von Dateien hinausgeht. Es ist ein Ökosystem für die digitale Zusammenarbeit, das Unternehmen und Privatanwendern die Möglichkeit gibt, ihre Daten dort zu lassen, wo sie hingehören: unter eigener Kontrolle. Das ist, bei Licht besehen, die einzig nachhaltige Antwort auf die zunehmende Zentralisierung der Daten in den Händen weniger US-Konzerne.
Für den deutschen Markt, der traditionell ein besonderes Augenmerk auf Datenschutz und -sicherheit legt, ist Nextcloud daher nicht nur eine Option, sondern für viele die logische Konsequenz. Der Artikel soll sich nicht in technischen Details verlieren, die nur der Administrator braucht – auch wenn wir da natürlich hineinschauen werden –, sondern auch erklären, warum ein Umdenken hin zur privaten Cloud nicht nur eine Frage der Paranoia ist, sondern eine strategische Entscheidung. Und nein, das ist keine Werbung. Das ist eine Analyse nach zig Installationen und noch mehr Gesprächen mit Leuten, die täglich damit arbeiten.
Vom Dateitauscher zur Komplettsuite: Was Nextcloud heute kann
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Nextcloud ist ein Cloud-Speicher. Man legt Dateien ab, synchronisiert sie zwischen Geräten, teilt sie mit anderen. Das kann Dropbox auch. Aber hier hört der Vergleich auch schon auf. Denn Nextcloud ist modular aufgebaut und lässt sich durch Hunderte von Apps erweitern. Das ist das eigentliche Pfund, mit dem die Plattform wuchert. Wer einmal erlebt hat, wie nahtlos ein Nextcloud-Server mit OnlyOffice oder Collabora Online zusammenarbeitet, sodass man Office-Dokumente direkt im Browser bearbeiten kann, ohne dass die Daten jemals den eigenen Server verlassen, der fragt sich schnell, warum man jemals Google Docs verwendet hat.
Und dann ist da die Kommunikation. Nextcloud Talk ist mittlerweile ein vollwertiger Videokonferenzdienst, der sich in die Dateiverwaltung integrieren lässt. Man kann aus einem Ordner heraus einen Meeting-Link generieren, Screensharing betreiben und sogar über das Nextcloud-Telefon-Prinzip mit dem Festnetz telefonieren – alles ohne Umweg über einen externen Anbieter. Dabei zeigt sich ein Muster, das sich durch die gesamte Plattform zieht: Nextcloud denkt in Workflows, nicht in isolierten Funktionen. Eine E-Mail von einem Kollegen über die Nextcloud-eigene Mail-App? Kein Problem. Ein gemeinsames Projektboard, das mit Aufgaben und Terminen verknüpft ist? Ja, das gibt es auch, in Form von Deck (ehemals Tasks).
Nicht zuletzt spielt Nextcloud seine Stärke beim Thema externe Speicher aus. Man kann vorhandene NAS-Systeme, S3-kompatible Objektspeicher oder gar FTP-Server als externe Speicher-Provider einbinden. Das ist besonders für Unternehmen interessant, die nicht alle Daten auf eine Plattform zwingen wollen, aber dennoch einen einheitlichen Zugriff über eine Benutzeroberfläche wünschen. Ein interessanter Aspekt ist, dass Nextcloud dabei verschiedene Speicherorte in einer einzigen Ordnerstruktur zusammenführen kann – quasi ein globales Dateisystem, das aus heterogenen Quellen gespeist wird. Das funktioniert nicht immer reibungslos, aber wenn es läuft, ist es eine echte Arbeitserleichterung.
Das Betriebssystem für die private Cloud
Die Installation von Nextcloud ist heute deutlich einfacher geworden, als sie es vor fünf Jahren war. Damals musste man noch einen LAMP-Stack zusammenklicken, die richtigen PHP-Module finden und hoffen, dass die Konfiguration stimmt. Heute gibt es das Nextcloud All-in-One (AIO) Projekt, das auf Docker setzt und den gesamten Betrieb – inklusive Datenbank, Redis-Cache und Volltext-Suche – in ein handliches Paket schnürt. Das ist ein Segen für Einsteiger, aber auch für erfahrene Administratoren, die schnell eine Testumgebung hochziehen wollen.
Allerdings: Die Einfachheit der AIO-Lösung bringt auch Einschränkungen mit sich. Wer tief in die Konfiguration eingreifen will, zum Beispiel um eine eigene Nginx-Konfiguration mit speziellen Headern zu hinterlegen, der stößt schnell an Grenzen. Für manche ist das ein Argument, die manuelle Installation vorzuziehen. Und das ist auch völlig in Ordnung. Die Nextcloud-Community liefert hervorragende Dokumentationen für die manuelle Einrichtung auf Debian, Ubuntu, Rocky Linux oder auch auf Basis von Docker-Compose. Der Aufwand ist überschaubar: einen Webserver (Apache oder Nginx) aufsetzen, PHP 8.2 oder 8.3 installieren, eine MariaDB- oder PostgreSQL-Datenbank anlegen, die Nextcloud-Sourcen herunterladen und das Web-Install-Tool durchlaufen – fertig. Sagen wir es mal so: Wer schon einmal einen WordPress-Blog manuell installiert hat, wird mit Nextcloud keine Schwierigkeiten haben.
Ein Punkt, der in der Administration oft unterschätzt wird, ist die Wahl der Datenbank. MySQL respektive MariaDB sind die Standardoption, aber PostgreSQL hat in den letzten Jahren deutlich aufgeholt und bietet gerade bei größeren Installationen oft die bessere Performance – insbesondere bei der Volltext-Suche und bei der Verarbeitung von vielen parallelen Schreibzugriffen. Meine persönliche Empfehlung ist daher, gleich auf PostgreSQL zu setzen, auch wenn der Einstieg minimal komplexer ist. Der Unterschied in der Langzeitstabilität kann beträchtlich sein. Aber wie gesagt: Das ist eine Erfahrung, die man nach vielen Jahren im Betrieb mit beiden Systemen sammelt.
Die Kunst des Betriebs: Performance, Caching und Skalierung
Ein Nextcloud-Server, der auf einem Raspberry Pi mit einer Micro-SD-Karte läuft, kann für drei bis fünf Benutzer durchaus akzeptabel funktionieren. Aber wehe, es wird mehr. Sobald die Anzahl der Nutzer oder die Menge der Dateien wächst, wird das System schnell zum Flaschenhals. Der Speicheradministrator, der hier nicht rechtzeitig gegensteuert, erlebt ein böses Erwachen. Dabei zeigt sich, dass Nextcloud vor allem von einem leistungsfähigen Caching profitiert. Redis ist hier das Mittel der Wahl – es puffert Sitzungsdaten, Datei-Listing-Caches und Transaktionslogs, und das Ganze am besten über einen separaten Port oder Socket. Wer Redis auf dem gleichen Server betreibt wie die Datenbank und den Webserver, wird feststellen, dass die Web-Oberfläche spürbar flotter reagiert.
Ein weiterer Hebel ist der Einsatz eines Accelerators wie APCu für den lokalen PHP-Cache. In Kombination mit einem Opcode-Cache (OPcache) kann man die Ausführungsgeschwindigkeit der PHP-Skripte deutlich steigern. Die Einstellungen in der php.ini sind schnell gemacht: memory_limit auf 512 MByte, max_execution_time auf 3600 Sekunden für Hintergrundsynchronisationen, und upload_max_filesize sowie post_max_size nach Bedarf anpassen. Das sind alles handwerkliche Grundregeln, die aber in der täglichen Praxis oft vernachlässigt werden. Ich habe schon Nextcloud-Installationen gesehen, die mit einem shared Hosting mit 256 MByte RAM und ohne jeglichen Cache betrieben wurden – keine Überraschung, dass dann der Admin flucht, weil die Synchronisation ewig dauert.
Und dann ist da noch das Thema Skalierung. Nextcloud ist grundsätzlich in der Lage, mehrere hundert oder sogar tausend Benutzer zu bedienen, aber das erfordert eine durchdachte Architektur. Ein Single-Server-Setup mit einer ordentlichen SSD, 32 GByte RAM und einer dedizierten Datenbank kommt leicht auf 200 bis 300 gleichzeitige Benutzer, wenn die Dateigrößen im moderaten Bereich liegen. Darüber hinaus wird man früher oder später über eine Aufteilung nachdenken müssen: Die Datenbank auf einen eigenen Server auslagern, Redis als Cluster, den Webserver horizontal skalieren und vor einen Load-Balancer schalten. Nextcloud unterstützt all das, aber die Konfiguration ist nicht trivial. Vor allem die Handhabung von Datei-Locks und der Vermeidung von Split-Brain-Situationen bei der Synchronisation will gelernt sein.
Ein interessanter Aspekt in diesem Zusammenhang ist der Einsatz von Objektspeichern wie S3 (MinIO, Ceph, Amazon S3, Wasabi etc.). Nextcloud kann den primären Dateispeicher vollständig auf einen S3-kompatiblen Bucket auslagern. Das entkoppelt die Datenhaltung von der Rechenleistung und ermöglicht eine nahezu unbegrenzte Skalierung der Speicherkapazität. Allerdings: Der Zugriff auf Dateien, die über eine herkömmliche Web-Schnittstelle abgerufen werden, ist dann etwas träger, da jeder Zugriff über die S3-API gehen muss. Mit einem intelligenten Cache (etwa per NFS-Mount oder lokale SSD als Vorspeicher) lässt sich das abfedern. Nicht zuletzt sollte man bedenken, dass Objektspeicher andere Latenz- und Konsistenz-Eigenschaften haben als ein lokales Dateisystem – das wird gerne unterschätzt.
Sicherheit und Datenschutz: Das Herzstück der privaten Cloud
Warum betreiben Menschen und Unternehmen überhaupt eine Nextcloud-Instanz? Die Antwort fällt meist identisch aus: aus Gründen des Datenschutzes und der Datensicherheit. Das ist das zentrale Versprechen der Plattform. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen: Allein die Tatsache, dass man die Daten auf dem eigenen Server hält, macht das System noch nicht automatisch sicher. Es kommt auf die Härtung an. Ein öffentlich erreichbarer Nextcloud-Server ist ein Angriffsziel – und das sollte man von Anfang an ernst nehmen.
Die Grundlage ist ein korrekt konfigurierter Webserver. HTTPS mit Let’s Encrypt ist heutzutage Standard, aber viele Administratoren vergessen, auch HSTS zu setzen und die Verschlüsselung der Verbindungsdaten zwischen Client und Server zu erzwingen. Auch das Setzen von Sicherheits-Headern wie Content-Security-Policy, X-Frame-Options und Referrer-Policy ist wichtig. Nextcloud selbst liefert viele dieser Einstellungen bereits mit, aber man sollte sie in der Konfigurationsdatei config.php nochmal überprüfen. Ein Blick in das Nextcloud Admin- Dashboard ist aufschlussreich: Es gibt eine eigene Sicherheitsseite, die auf Fehlkonfigurationen hinweist – von fehlender Verschlüsselung über falsche Dateiberechtigungen bis hin zu veralteten PHP-Versionen.
Ein besonders wichtiges Feature ist die serverseitige Verschlüsselung. Nextcloud kann Dateien auf dem Speichermedium verschlüsseln, sodass selbst jemand, der physischen Zugriff auf die Festplatten hat, die Daten nicht lesen kann. Das ist für viele Unternehmen eine Grundvoraussetzung. Allerdings: Die serverseitige Verschlüsselung schützt nicht vor Angriffen auf die Applikation selbst – wenn ein Angreifer die Admin-Oberfläche kapert, hat er auch Zugriff auf den Schlüssel. Deshalb wird dringend empfohlen, zusätzlich oder alternativ die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung (E2EE) für sensible Ordner zu aktivieren. Diese sorgt dafür, dass die Daten bereits auf dem Client verschlüsselt werden und der Server nur die verschlüsselten Blöcke sieht. Der Nachteil: Die Suche in solchen Ordnern funktioniert nicht, und das Teilen wird umständlicher.
Aus deutscher Perspektive ist natürlich das Thema Auftragsverarbeitung nach DSGVO ein zentrales Argument für Nextcloud. Wenn man den Dienst selbst hostet, entfällt die Notwendigkeit eines Auftragsverarbeitungsvertrags mit einem externen Anbieter – sofern man nicht doch externe Dienste wie OnlyOffice oder Collabora über das Netz bezieht. Das ist eine juristische Grauzone, die viele Administratoren umgehen, indem sie die Office-Dokumente auf dem eigenen Server hosten. Nextcloud selbst ist in Deutschland entwickelt und sitzt in Stuttgart – das ist ein klares Statement. Die Firma bietet auch Enterprise-Support an, der dann auch die DSGVO-Konformität juristisch absichert. Aber für den privaten Betrieb reicht das gute Gewissen, dass die Daten nicht bei einem Konzern mit umstrittener Datenpolitik liegen.
Das Ökosystem der Apps: Segen und Fluch
Wer sich auf die offizielle Nextcloud-App-Seite begibt, findet eine schier unüberschaubare Menge an Erweiterungen. Die Qualität schwankt allerdings erheblich. Es gibt Apps, die von Nextcloud selbst entwickelt werden und einen hohen Reifegrad haben – Files, Talk, Contacts, Calendar, Mail, Deck, Notes, Tasks. Diese Anwendungen sind fest in die Plattform integriert und werden regelmäßig aktualisiert. Daneben existieren Apps von Drittanbietern, die teilweise sehr nützlich sind, teilweise aber auch in der Entwicklungsphase stecken bleiben. Eine ungeschriebene Regel lautet: Vor der Installation einer Drittanbieter-App sollte man die letzten Updates und die Community-Foren überprüfen. Es gibt leider Beispiele von Apps, die nach einem Nextcloud-Update nicht mehr funktionierten und dann keine Reaktion des Entwicklers gab – ein Albtraum für den Administrator.
Ein Paradebeispiel für eine gelungene Integration ist die OnlyOffice-Integration. Im Gegensatz zu den früheren Versionen, die noch mit Collabora Online funktionierten, setzt nicht mehr jeder auf LibreOffice-Kernel. OnlyOffice bietet eine hervorragende Kompatibilität mit Microsoft-Office-Formaten, was in einer von Microsoft dominierten Geschäftswelt ein entscheidender Vorteil ist. Die Integration in Nextcloud ist mittlerweile sehr ausgereift: Man kann Dokumente im Browser erstellen und bearbeiten, Änderungen verfolgen und Kommentare hinzufügen. Die Installation ist mit Docker oder einem separaten Server machbar – und das ist auch der springende Punkt: Der Dokumentenserver muss entweder auf dem gleichen Rechner oder einem eigenen Host laufen, was zusätzliche Ressourcen kostet. Für den Heimgebrauch mag das Overkill sein, aber im Unternehmensumfeld ist es das Geld wert.
Nicht zuletzt gibt es Apps für die Medienverwaltung, wie Nextcloud Memories (eine Art Google Photos Alternative) und für die Musikwiedergabe (Nextcloud Music). Für den Privatanwender sind das echte Killer-Features. Statt hunderter Fotos und Videos auf Google oder Apple zu lagern, kommen sie auf den eigenen Nextcloud-Server – inklusive automatischer Synchronisation per App auf dem Smartphone. Die Gesichtserkennung bei Memories verwendet lokale KI-Modelle, die auf dem Server laufen, und die Bilder verlassen nie das eigene Netz. Das ist der Ansatz, der das Versprechen einer privaten Cloud erst richtig einlöst.
Der Blick in die Praxis: Administration und Betrieb
Die tägliche Arbeit mit Nextcloud ist für den Administrator geprägt von Updates. Die Release-Zyklen sind ambitioniert: Etwa alle vier Monate erscheint eine neue Hauptversion. Das ist für die Sicherheit gut, aber für den Betreiber bedeutet es, dass man regelmäßig eingreifen muss. Das Update über die Kommandozeile (php occ upgrade) ist in der Regel eine Stippvisite, aber bei großen Installationen mit vielen Apps kann es zu Upgrade-Problemen kommen. Der offizielle Rat: vor jedem Update ein vollständiges Backup durchführen – und zwar nicht nur der Datenbank und der Dateien, sondern auch der Konfigurationsdateien und der Apps. Das ist lästig, aber unumgänglich. Ich habe schon Leute erlebt, die nach einem fehlgeschlagenen Update eine Woche lang ihre Instanz wieder aufsetzen mussten, weil sie kein Backup hatten. Nicht schön.
Ein weiteres Thema ist das Monitoring. Nextcloud selbst bietet keine integrierte Überwachung, aber es gibt viele Tools, die sich über die REST-API (dort sagt man auch den occ-Befehlen) anbinden lassen. Zu empfehlen ist das Nextcloud-Plugin für checkmk oder die Integration über das OCC-Kommando, das Auskunft über die Anzahl der Benutzer, die Speicherbelegung, die Anzahl der Hintergrundjobs und den Status der Datenbank gibt. Wer seine Instanz im Auge behalten will, kommt um eine regelmäßige Abfrage dieser Werte nicht herum. Besonders die Hintergrundjobs (Cron-Jobs) sind ein kritischer Punkt. Standardmäßig nutzt Nextcloud den AJAX-basierten Cron, der bei größeren Installationen zu Verzögerungen führt und die Performance beeinträchtigt. Besser ist es, auf einen system-eigenen Cron-Daemon (cron.php) umzustellen. Das ist ein kleiner, aber wirkungsvoller Eingriff.
Ein interessanter Aspekt in der Administration ist der Umgang mit externen Speichern. Nextcloud bietet eine Schnittstelle für das Einbinden von NAS, SMB/CIFS-Freigaben, WebDAV und eben S3. Das ist praktisch, aber auch gefährlich: Wenn man einen SMB-Share eines anderen Servers einbindet, wird die Performance von der Netzwerklatenz und der Leistungsfähigkeit des entfernten Servers bestimmt. Zudem muss man sicherstellen, dass die Verbindung stabil ist, sonst kann es zu Timeouts kommen. Meine Erfahrung: Wenn möglich, sollte man die Daten konsequent auf dem Dateisystem des Nextcloud-Servers belassen und nur bei wirklich großen Datenmengen auf Objektspeicher ausweichen. Das vereinfacht die Administration und reduziert die Fehlerquellen.
Vergleich der Alternativen: Warum nicht ownCloud, Seafile oder Synology?
Natürlich ist Nextcloud nicht die einzige Option für eine selbstgehostete Cloud. Es gibt ownCloud, den Vorgänger, der sich in den letzten Jahren eher auf Enterprise- und Compliance-Features konzentriert hat. ownCloud Infinite Scale (oCIS) ist eine komplette Neuentwicklung, die auf Go basiert und eine moderne Microservices-Architektur hat. Das klingt vielversprechend, aber die Funktionalität ist noch nicht mit Nextcloud konkurrenzfähig. Wer viele Apps wie Talk oder OnlyOffice braucht, wird mit ownCloud nicht glücklich. Auch die Community ist deutlich kleiner, was sich bei Support-Fragen bemerkbar macht.
Seafile ist eine weitere interessante Lösung. Es ist extrem schnell, speichert Daten in Blöcken und bietet eine leistungsstarke Synchronisation. Aber Seafile ist eher auf das reine Datei-Sharing fokussiert. Es gibt zwar auch Seafile Server mit integrierter Textverarbeitung und Online-Office, aber die Integration ist nicht so tief wie bei Nextcloud. Wer ein schlankes, performantes Dropbox-Ersatz sucht, der kommt mit Seafile vielleicht besser klar. Wer jedoch eine All-in-One-Lösung für die Zusammenarbeit sucht, wird bei Nextcloud eher fündig.
Und dann wäre da noch der proprietäre Weg: Synology Drive. Das ist elegant, weil Synology-NAS in vielen Büros und Haushalten stehen. Die Integration in das DSM ist hervorragend, die Apps sind ausgereift. Aber man ist an die Hardware von Synology gebunden. Zwar kann man die Synology Drive auch über Docker auf anderen Servern betreiben, aber das ist ein Workaround. Der große Vorteil von Nextcloud ist die Hardware-Unabghängigkeit – es läuft auf allem, von einem Raspberry Pi über einen VServer bis hin zu einem dedizierten Rechenzentrum. Das ist für mich persönlich ein entscheidender Punkt.
Die Zukunft: AI, Collaboration und Dezentralisierung
Nextcloud baut derzeit stark auf Künstliche Intelligenz. Der Nextcloud Assistant, der in Version 30 standardmäßig enthalten ist, kann Texte zusammenfassen, E‑Mails vorschlagen, Besprechungsnotizen erstellen und sogar Bilder generieren. Das ganze läuft auf lokaler Hardware über Modelle wie Llama oder Mistral, die auf dem Server ausgeführt werden. Das ist ein riesiger Schritt in Richtung einer datenschutzkonformen KI-Nutzung. Man muss nicht auf die Cloud eines Drittanbieters zurückgreifen, die Modelle laufen auf der eigenen Infrastruktur. Allerdings verbrauchen diese Modelle reichlich Rechenleistung – eine moderne CPU oder besser eine GPU ist nötig. In der Praxis wird das erst in größeren Unternehmen oder bei Enthusiasten zum Einsatz kommen, aber die Richtung ist klar: Die private Cloud soll nicht nur Daten speichern, sondern sie auch intelligent verarbeiten können.
Ein weiterer Trend ist die stärkere Vernetzung von Nextcloud-Instanzen untereinander. Das Konzept des „Federated Sharing“ erlaubt es, Dateien zwischen verschiedenen Nextcloud-Servern zu teilen, ohne dass ein zentraler Vermittler nötig ist. Ähnlich wie E‑Mail, nur für Dateien. Das ist noch nicht sehr verbreitet, aber das Potenzial ist enorm. Man könnte sich vorstellen, dass Unternehmen und Vereine ihre eigenen Nextcloud-Server betreiben und untereinander Daten austauschen – ohne Umweg über kommerzielle Dienste. Das wäre ein echter Meilenstein für die digitale Souveränität.
Nicht zuletzt wird das Thema „Edge Computing“ wichtiger. Nextcloud kann in kleinen Geräten wie dem Nextcloud Box oder auf einem Raspberry Pi laufen und als lokaler Datendrehkreuz fungieren, der dann mit einer zentralen Instanz synchronisiert. Das ist vor allem für Anwender interessant, die viele Daten lokal behalten wollen, sie aber dennoch über ein Netzwerk erreichbar machen möchten. Die Kombination aus lokaler Latenz und zentraler Verfügbarkeit ist eine mächtige Idee.
Fazit: Ein Stück digitale Autonomie
Nextcloud ist aus der Landschaft der selbstgehosteten Dienste nicht mehr wegzudenken. Es hat sich in den letzten Jahren von einer einfachen Dateiablage zu einer vollwertigen Kollaborationsplattform entwickelt, die in vielen Bereichen mit den Proprietären mithalten kann – und in Sachen Datenschutz und Kontrolle übertrifft sie sie ohnehin. Der Betrieb erfordert etwas Know-how und Disziplin, aber der Aufwand lohnt sich. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, dass die eigenen Daten nicht auf fremden Servern liegen, wird diesen Schritt nicht mehr rückgängig machen wollen. Der Artikel sollte zeigen, dass Nextcloud nicht nur etwas für Technik-Nerds ist, sondern eine echte Alternative für alle, die die Kontrolle über ihre digitale Identität behalten möchten. Die Reise ist noch nicht zu Ende, aber die Richtung stimmt. Und das ist ein gutes Gefühl.