Es gibt Momente, da fragt man sich, warum sich die eigene E‑Mail‑Infrastruktur so anfühlt, als würde sie in der Steinzeit stecken, während der Rest der digitalen Arbeitswelt längst im Cloud‑Zeitalter angekommen ist. Jahrelang waren Administratoren und Entscheider damit beschäftigt, Groupware‑Lösungen wie Exchange oder Google Workspace zu betreiben oder zu mieten – beide mächtig, beide teuer, beide mit einem gewissen Maß an Abhängigkeit. Und dann kam Nextcloud. Nicht als Revolution, sondern als eine Art evolutionärer Gegenentwurf: Open Source, selbst gehostet, erweiterbar. Einer der interessantesten, aber auch am häufigsten unterschätzten Bausteine in diesem Ökosystem ist die Nextcloud Mail App. Sie ist weder das Herz noch das Hirn der Plattform, aber sie ist jenes unscheinbare Werkzeug, das den Unterschied zwischen einer lückenhaften und einer wirklich integrierten Arbeitsumgebung ausmacht. Dieser Artikel nimmt die Mail App einmal genau unter die Lupe – ohne Werbesprech, dafür mit der gebotenen Skepsis eines Technikjournalisten, der schon zu viele heiße Lösungen gesehen hat, die später nur lauwarm waren.
Nextcloud als Plattform: Mehr als nur ein Dateiort
Bevor wir uns in die Tiefen der Mail App stürzen, lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten. Nextcloud ist in den letzten Jahren von einer reinen Dateisynchronisationslösung zu einer umfassenden Kollaborationsplattform gewachsen. Der Clou liegt nicht in einer einzelnen Funktion – nein, es ist die Integration. Dateien, Kalender, Kontakte, Talk (Instant Messaging), Aufgaben und eben E‑Mail: Alles spielt in einer gemeinsamen Oberfläche zusammen, unter eigener Kontrolle. Für IT‑Entscheider ist das ein starkes Argument, besonders in Umgebungen mit hohen Datenschutzanforderungen – Krankenhäuser, Behörden, Rechtskanzleien oder einfach Unternehmen, die keine Lust haben, ihre Postfächer auf fremden Servern zu wissen.
Doch Integration allein ist noch kein Garant für Qualität. Jedes Modul muss im Einzelnen überzeugen. Und genau hier wird es spannend: Die Mail App ist kein vollwertiger E‑Mail‑Client im Sinne eines Outlook oder Thunderbird. Sie ist ein Web‑Client, der sich nahtlos in die Nextcloud‑Oberfläche einfügt. Das klingt erst einmal unspektakulär. Aber wer schon einmal versucht hat, verschiedene Webmail‑Lösungen in ein bestehendes System zu quetschen – Roundcube hier, RainLoop da – der weiß, wie mühsam das sein kann. Nextcloud Mail kommt direkt aus dem App‑Store des eigenen Nextcloud‑Servers, installiert sich in wenigen Klicks und greift auf die vorhandenen IMAP‑Konten zu. Simpel, elegant, aber: Ist es auch wirklich alltagstauglich?
Die Architektur hinter der Nextcloud Mail App
Technisch gesehen ist die Mail App ein reines IMAP‑Frontend. Sie verwaltet keine eigenen Mailboxen, sondern verbindet sich zu beliebigen IMAP‑Servern – ob selbst gehostet mit Dovecot oder Postfix, oder zu Diensten wie mailbox.org, Posteo oder auch Gmail (wenn man denn möchte). Der Vorteil liegt auf der Hand: Man bleibt flexibel bei der Wahl des Mailservers und muss keine Daten migrieren. Einzig der SMTP‑Server wird für den Versand benötigt. Die App selbst kümmert sich um die Darstellung, um die Ordnerstruktur, um das Verfassen und um das Verwalten von Anhängen.
Ein interessanter Aspekt ist die Einbindung von Sieve‑Filtern. Wer seine Mails serverseitig sortieren lassen möchte – etwa in Ordner wie „Rechnung“ oder „Newsletter“ – kann diese Regeln direkt aus der App heraus anlegen und verwalten, sofern der Mailserver Sieve unterstützt. Das ist kein Hexenwerk, aber es erleichtert den Arbeitsalltag enorm. Kein langes Herumklicken in einer obskuren Administrationsoberfläche, sondern eine saubere Integration direkt in der Mailansicht.
Die Verschlüsselung betreffend: Die App unterstützt SSL/TLS für die Verbindung zum IMAP‑ und SMTP‑Server. Ende‑zu‑Ende‑Verschlüsselung? Fehlanzeige. Wer PGP oder S/MIME benötigt, muss auf externe Tools oder Browser‑Erweiterungen zurückgreifen. Nextcloud Mail ist kein Sicherheitspanzer, sondern ein Werkzeug für den produktiven Austausch unter der Prämisse, dass der Transportweg geschützt ist. Das ist für die meisten Szenarien völlig ausreichend, sollte aber bewusst sein.
Bedienung und Alltagstauglichkeit: Wo die App glänzt – und wo nicht
Die Oberfläche der Mail App ist aufgeräumt. Links die Ordnerliste, in der Mitte die Nachrichtenübersicht, rechts die Detailansicht. Das erinnert an gängige Mail‑Programme, ist aber bewusst schlanker gehalten. Ein großer Pluspunkt ist die Suchfunktion, die auch größere Postfächer ziemlich flott durchforstet – vorausgesetzt, der IMAP‑Server gibt die nötigen Suchparameter her. Bei sehr großen Mailboxen (sagen wir, mehrere zehntausend Mails) kann die Performance allerdings spürbar nachlassen. Das liegt nicht an der App allein, sondern an der IMAP‑Anbindung. Wer mit einem schnellen Dovecot auf SSD‑Speicher arbeitet, wird kaum Probleme haben. Wer jedoch einen überlasteten Shared‑Hosting‑Server oder einen langsamen Exchange‑Server anbindet, wird sich ärgern.
Ein besonderes Lob verdient die Möglichkeit, mehrere Mailkonten gleichzeitig zu verwalten. Ob privat, geschäftlich oder für Projekte – jedes Konto kann einzeln konfiguriert und in der Seitenleiste angewählt werden. Das ist alles andere als selbstverständlich in der Webmail‑Welt. Und auch die Integration mit Nextclouds eigenem Dateimanager ist clever: Anhänge werden direkt aus der Nextcloud‑Dateiablage ausgewählt oder gespeichert. Klingt banal, aber wer häufig mit großen Anhängen hantiert, spart sich so den Umweg über den Download‑Ordner.
Aber es gibt auch Schattenseiten. Eine der größten Baustellen ist der Umgang mit mehreren Anhängen in einer Mail. Manchmal werden Anhänge nicht korrekt angezeigt – insbesondere dann, wenn sie verschlüsselt oder in exotischen Formaten vorliegen. Auch die Darstellung von HTML‑Mails ist nicht immer einwandfrei. Manche Newsletter sehen aus, als hätte sie ein Kind mit Bauklötzen zusammengeworfen. Nextcloud setzt standardmäßig auf die Darstellung von Klartext, was aus Sicherheitssicht zu begrüßen ist, aber im Alltag oft zu Diskussionen führt: „Warum sehe ich das Logo nicht?“
Die Einstellungen sind – typisch Nextcloud – übersichtlich gehalten. Man kann Signaturen pro Konto anlegen, eine Abwesenheitsnotiz einrichten (sofern der Server Sieve für vacation‑Nachrichten unterstützt) und festlegen, ob Mails nach dem Senden im Gesendet‑Ordner landen sollen. Das ist solide, aber nicht überragend. Vermisst habe ich persönlich eine echte Filterverwaltung pro Ordner, etwa das automatische Verschieben von Mails basierend auf Absender oder Betreff, ohne Sieve bemühen zu müssen. Aber gut, dafür gibt es eben die Sieve‑Integration.
Der Elephant im Raum: Wo bleibt die mobile App?
Nextcloud bietet selbstverständlich mobile Apps für iOS und Android – und die Mail‑Funktion ist darin integriert. Allerdings nicht als eigenständiger Client, sondern als Teil der Nextcloud‑App. Das bedeutet: Man muss die Nextcloud‑App installieren, sich anmelden und kann dann über das Mail‑Symbol auf seine Nachrichten zugreifen. Das funktioniert, aber es ist nicht dasselbe wie ein dedizierter Mail‑Client wie Spark, Outlook Mobile oder K‑9 Mail. Die Push‑Benachrichtigungen kommen zuverlässig, aber die Darstellung von Mails auf dem Smartphone ist manchmal etwas hakelig, insbesondere bei langen Threads. Auch das Verwalten von Anhängen unterwegs ist nicht immer intuitiv.
Ein interessanter Punkt ist die Möglichkeit, Nextcloud Mail als Standard‑Mail‑App im Browser zu nutzen – und dann über den Desktop entsprechend. Aber ob das im Geschäftsalltag wirklich die erste Wahl ist, wage ich zu bezweifeln. Die meisten User greifen auf dem Handy zu einer spezialisierten App. Hier liegt für Nextcloud noch Potenzial. Die Integration in die mobile Nextcloud‑App ist ein guter Ansatz, aber wer täglich Hunderte E‑Mails bearbeitet, wird sich nach einer leistungsfähigeren Lösung umsehen.
Sicherheit und Datenschutz: Ein starkes Pfund
Einer der Hauptgründe, warum Organisationen auf Nextcloud setzen, ist die Datenhoheit. Und die Mail App macht da keine Ausnahme. Weil die Mails auf dem eigenen IMAP‑Server liegen und die App lediglich als Client fungiert, haben unbefugte Dritte keinen Zugriff auf die Kommunikation – zumindest nicht, solange der Server vernünftig abgesichert ist. Nextcloud selbst speichert keine Mails; lediglich die IMAP‑Zugangsdaten werden – natürlich verschlüsselt – in der Datenbank abgelegt.
Hinzu kommt die Möglichkeit, die App mithilfe von Zwei‑Faktor‑Authentifizierung (2FA) abzusichern. Das Nextcloud‑System selbst unterstützt 2FA ohnehin; wenn also ein Angreifer das Passwort eines Users ergaunert, nützt ihm das ohne den zweiten Faktor nichts. Für Administratoren bedeutet das weniger Bauchschmerzen bei der Einführung von Webmail im Unternehmen.
Allerdings: Wer absolut sicher gehen will, sollte die Ende‑zu‑Ende‑Verschlüsselung (E2EE) nicht vernachlässigen. Nextcloud Mail bietet das nicht out of the box. Es gibt zwar experimentelle Erweiterungen, aber die sind nicht produktionsreif. Wer also wirklich sicherstellen muss, dass nur der Empfänger eine E‑Mail lesen kann – etwa bei rechtsverbindlichen Kommunikationswegen –, braucht ein separates Tool oder PGP. Nextcloud selbst verweist hier auf seine Talk‑App, die E2EE für Nachrichten und Anrufe bietet. Aber E‑Mail ist eben nicht dafür ausgelegt. Das muss man wissen und akzeptieren.
Betrieb und Administration: Worauf muss man achten?
Für IT‑Entscheider und Administratoren ist die Frage nach dem Betriebsaufwand entscheidend. Die Installation einer Nextcloud‑Instanz ist heute dank Snap‑Paketen, Docker‑Images oder dem offiziellen Setup‑Wizard kein Hexenwerk mehr. Die Mail App wird im Nextcloud‑App‑Store angeboten und per Klick installiert. Danach muss sie konfiguriert werden – das bedeutet, dem Administrator muss klar sein, dass die App nur als Client dient. Der darunterliegende IMAP‑Server muss bereits existieren und erreichbar sein. Nextcloud übernimmt keine Mail‑Zustellung.
Ein typisches Szenario: Ein Betrieb betreibt einen Dovecot‑Server hinter einer Firewall. Die Nextcloud‑Instanz läuft auf einem separaten Server oder im gleichen Rechenzentrum. Die Mail App greift über IMAPS auf den Dovecot zu. Die Benutzer loggen sich in Nextcloud ein und sehen ihre Mails. Das ist einfach, aber nicht trivial – vor allem, wenn die Authentifizierung zentral über LDAP oder Active Directory laufen soll. Nextcloud kann das, aber die Konfiguration von LDAP in Verbindung mit Mailkonten erfordert etwas Fingerspitzengefühl. Denn die Mail‑App benötigt die IMAP‑Anmeldedaten für jeden Benutzer. Wer diese aus dem AD oder LDAP ziehen will, muss die Parameter richtig setzen. Das ist machbar, aber nicht immer von Anfang an rund.
Ein kleiner, feiner Tipp: Wer die Mail App produktiv einsetzen will, sollte unbedingt den Nextcloud‑Caching‑Mechanismus aktivieren – etwa Redis oder APCu –, denn die IMAP‑Anbindung generiert viele Anfragen. Ohne Caching kann die App bei vielen gleichzeitigen Benutzern ins Stocken geraten. Auch die PHP‑Memory‑Limits sollten großzügig bemessen sein. Und: Der IMAP‑Server sollte nicht zu aggressiv throttlen, sonst werden Verbindungen regelmäßig abgewiesen. Das sind die typischen Stolperfallen, die einem im Alltag begegnen.
Vergleich mit anderen Webmail‑Lösungen
Wie schlägt sich Nextcloud Mail im Vergleich zu etablierten Mitbewerbern? Sehen wir uns Roundcube an: Roundcube ist der Klassiker unter den Open‑Source‑Webmail‑Clients. Er ist ausgereift, hat unzählige Plugins, eine saubere Oberfläche – aber er steht für sich allein. Wer Roundcube mit Nextcloud kombinieren will, braucht eine separate Installation und muss die Authentifizierung irgendwie teilen. Nextcloud Mail hingegen ist nahtlos integriert. Das ist ein gewaltiger Vorteil, wenn man ohnehin Nextcloud für Filesharing und Kollaboration nutzt.
RainLoop (bzw. der Nachfolger SnappyMail) ist ebenfalls eine Alternative. Sie ist schnell, leichtgewichtig und bietet eine moderne Oberfläche. Aber auch hier gilt: Sie ist ein separates System. Die Integration in Nextcloud ist über Umwege möglich (etwa als externe App), aber nicht so elegant wie die native Mail App. Zudem unterstützt RainLoop keine Sieve‑Filter – zumindest nicht out of the box. Nextcloud Mail hat hier die Nase vorn.
Und dann sind da noch die kommerziellen Lösungen: Zimbra oder OX App Suite. Beide sind mächtiger, aber auch deutlich komplexer und teurer. Nextcloud Mail kann da funktional nicht mithalten – weder was die Verwaltung von Shared Mailboxen noch von Ressourcen wie Räumen oder Geräten betrifft. Aber für das tägliche Mail‑Geschäft, für den durchschnittlichen Wissensarbeiter, reicht es völlig aus. Der entscheidende Unterschied: Nextcloud Mail ist Teil einer Plattform, die viele andere Dinge kann. Wenn ich also eine E‑Mail mit einem Dateilink aus Nextcloud versehen will, mache ich das direkt im Editor – kein Kopieren von Cloud‑Links mehr. Diese Art der Integration ist schwer zu toppen.
Skalierung und Performance unter Last
Ein Thema, das selten in Feature‑Vergleichen auftaucht: Wie verhält sich die Mail App, wenn tausende User gleichzeitig darauf zugreifen? Das hängt stark von der Infrastruktur ab. Nextcloud selbst skaliert horizontal, indem man mehrere App‑Server hinter einem Load Balancer betreibt. Die Mail App nutzt IMAP‑Verbindungen, die pro User oder sogar pro Ordner eine eigene TCP‑Verbindung aufbauen. Das kann schnell zu einer hohen Anzahl offener Sockets führen. Der IMAP‑Server muss das abkönnen. Ein gut konfigurierter Dovecot auf moderner Hardware schafft problemlos mehrere tausend parallele Verbindungen. Aber wehe, der Mailserver ist nicht dafür ausgelegt – dann wird die App zur Bremse.
Ein interessanter Ansatz in diesem Kontext ist der Nextcloud Mail Push‑Service. Die App kann so konfiguriert werden, dass sie regelmäßig (per Cron‑Job) auf neue Mails prüft und die Benutzeroberfläche aktualisiert. Das reduziert die Last auf dem IMAP‑Server, weil nicht jeder Benutzer dauernd den Client aktualisiert. Aber es führt zu einer leichten Verzögerung – ein Kompromiss, den man eingehen muss. In der Praxis merkt man das kaum, solange der Cron‑Job alle zwei Minuten läuft.
Ein kleiner, aber feiner Hinweis für Admins: Die Nextcloud Mail App kann in den Einstellungen den Zeitabstand für die Synchronisation pro Benutzer festlegen. Wer extrem viele Mails bekommt, sollte diesen Wert individuell anpassen. Sonst erzeugt die App unnötige Last. Auch das Deaktivieren von HTML‑Vorschauen und das Limitieren der Anzahl der angezeigten Nachrichten pro Seite hilft.
Die wichtigsten Features im Überblick (ohne Aufzählung)
Vielleicht noch einmal konzentriert: Was kann Nextcloud Mail wirklich gut? Die Integration mit Nextcloud Dateien ist ein großes Plus. Die Möglichkeit, mehrere IMAP‑Konten zu verwalten, ist im Webmail‑Umfeld selten. Die Sieve‑Filterintegration ist praktisch. Die Suche funktioniert ordentlich, und die Oberfläche ist aufgeräumt. Was fehlt? Eine echte Offline‑Funktion (außerhalb des Browsers), eine bessere mobile Experience, Ende‑zu‑Ende‑Verschlüsselung und eine ausgefeiltere Verwaltung von Regeln. Auch das Anzeigen von Anhängen im Browser – etwa PDF‑Vorschau – könnte besser sein. Aber das sind Details, die man mit anderen Komponenten abdecken kann (etwa Nextclouds eigener PDF‑Viewer).
Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass die Mail App seit Nextcloud 20 (und noch weiter davor) kontinuierlich weiterentwickelt wird. Im Vergleich zu früheren Versionen ist sie heute deutlich stabiler und schneller geworden. Der Sprung von Version 1.x auf 2.x brachte eine komplett überarbeitete Architektur mit Vue.js im Frontend. Das sieht nicht nur moderner aus, sondern fühlt sich auch flüssiger an. Allerdings hat die Umstellung damals einige Bugs produziert, die inzwischen behoben sind. Ein klassischer Fall von „Neu ist nicht immer besser, aber besser wird es mit der Zeit“.
Nextcloud Mail in der Praxis: Drei Fallbeispiele
Um die Theorie etwas greifbarer zu machen, lohnt sich ein Blick in die Praxis. Nehmen wir einen kleinen Verein mit 50 Mitgliedern, die bisher einen günstigen Webhoster mit Roundcube genutzt haben. Der Verein möchte seine Daten selbst in die Hand nehmen, aber kein Budget für große IT haben. Ein Raspberry Pi mit Nextcloud und einem simplen Postfix/Dovecot‑Setup reicht – die Mail App ist der Webclient. Die Mitglieder sind begeistert, dass sie ihre Mails jetzt zusammen mit den Vereinsdokumenten an einem Ort haben. Klar, der Pi ist nicht die schnellste Lösung, aber für 50 User mit moderatem Mailaufkommen völlig okay. Die Administration beschränkt sich auf Updates und ab und zu ein Blick ins Log.
Ein anderes Szenario: Ein mittelständisches Unternehmen mit 200 Mitarbeitern, die bisher Outlook gewohnt sind. Der Umstieg auf Nextcloud Mail fällt schwer, weil die Benutzer Funktionen wie „Kategorien“, „Aufgaben direkt aus der Mail“ oder „Besprechungsanfragen“ vermissen. Nextcloud Talk kann Besprechungen, aber die Integration mit dem Kalender ist nicht so eng wie bei Exchange. Hier zeigt sich die Grenze: Nextcloud Mail ist kein Exchange‑Ersatz. Es ist ein ergänzendes Tool. Das Unternehmen entscheidet sich daher, Nextcloud für Dateien und Kalender zu nutzen, aber den Mail‑Client vorerst auf Outlook zu belassen – mit der Option, später umzusteigen, wenn die Lücken geschlossen sind. Das ist ein ehrlicher Umgang mit den Stärken und Schwächen.
Und drittens: Ein Forschungsinstitut mit starkem Fokus auf Datenschutz. Die Wissenschaftler wollen nichts mit US‑Clouds zu tun haben. Sie betreiben einen eigenen Dovecot‑Server, und als Webmail‑Client kommt ausschließlich Nextcloud Mail zum Einsatz, ergänzt durch Thunderbird für die Desktop‑Arbeit. Die Integration von Nextcloud Talk für verschlüsselte Kommunikation ist ein zusätzlicher Anreiz. Die Mail App wird hier akzeptiert, weil sie einfach funktioniert und keine Daten nach außen trägt. Kritik gibt es an der fehlenden Offline‑Fähigkeit – aber die Forscher sind meist online. Es zeigt sich: Die Akzeptanz steigt mit der technischen Affinität der Nutzer.
Zukunftsperspektiven: Wohin entwickelt sich die Mail App?
Nextcloud hat in den letzten Jahren viel in die Mail App investiert. Die Roadmap sieht einige spannende Features vor: eine bessere Unterstützung von verwalteten E‑Mail‑Konten (etwa mit Autodiscover), eine verbesserte mobile Ansicht, und die Möglichkeit, Mails direkt in Nextcloud Talk zu teilen. Auch das Thema künstliche Intelligenz – Stichwort „Smart Replies“ oder automatische Sortierung – geistert durch die Entwicklerforen. Ob das kommt, ist ungewiss. Nextcloud ist ein Open‑Source‑Unternehmen, das auf Community und Kundenwünsche hört. Aber die Entwicklung ist manchmal langsamer, als man es sich wünscht.
Ein interessanter Trend ist die zunehmende Nutzung von Nextcloud in Kombination mit anderen Groupware‑Komponenten wie dem Kolab‑Server oder dem Citadel‑Server. Hier fungiert Nextcloud Mail als Frontend für eine leistungsfähigere Backend‑Infrastruktur. Das könnte sich zu einer Art Baukastensystem entwickeln, bei dem Unternehmen aus verschiedenen Open‑Source‑Komponenten ihre ideale Lösung zusammenstellen. Nextcloud als Single‑Sign‑On‑ und UI‑Plattform – das hat durchaus Potenzial.
Aber es gibt auch Wermutstropfen. Die Abhängigkeit von IMAP ist ein Fluch und ein Segen zugleich. IMAP ist alt, langsam bei vielen Ordnern und nicht für moderne mobile Workflows optimiert. Nextcloud könnte hier einen Schritt weitergehen und die Mail‑App mit JMAP (JSON Meta Application Protocol) ausstatten, das speziell für moderne Web‑ und Mobile‑Clients entwickelt wurde. JMAP wäre ein echter Gamechanger für Performance und Funktionalität. Allerdings ist die Unterstützung in der IMAP‑Welt noch gering. Dovecot hat JMAP in den letzten Versionen experimentell integriert – das könnte die Tür öffnen. Nextcloud hat das Thema auf dem Radar, aber ob und wann es kommt, steht in den Sternen.
Fazit: Nicht perfekt, aber genau richtig für viele
Nextcloud Mail ist kein Allheilmittel. Sie wird ambitionierte Power‑User enttäuschen, die auf Funktionen wie PGP, konfigurierbare Swipe‑Gestures auf dem Handy oder eine tiefe Integration mit CRM‑Systemen angewiesen sind. Sie ist auch kein vollwertiger Exchange‑Ersatz für Unternehmen, die komplexe Mail‑Flows, juristische Archivierung oder Shared Mailboxen mit Berechtigungs‑Fleischwolf benötigen. Aber für die große Gruppe von Organisationen, die ihre Daten selbst in der Hand behalten wollen, die eine schlanke, aber brauchbare Webmail‑Lösung brauchen und die ohnehin Nextcloud nutzen, ist sie eine echte Bereicherung.
Dabei zeigt sich einmal mehr: Open Source ist kein Selbstzweck. Es ist ein Werkzeug, das dann glänzt, wenn es richtig eingesetzt wird. Nextcloud Mail glänzt in Umgebungen, in denen die Mail‑Infrastruktur bereits existiert und die Benutzer bereit sind, ein paar Abstriche bei der Komfort‑Features zu machen. Dafür gewinnen sie Kontrolle, Datenschutz und eine tiefe Integration in die eigene digitale Arbeitswelt. Klingt nach einem Tauschhandel – und das ist es auch. Aber ein ehrlicher. Und ehrlich ist manchmal genau das, was der Markt braucht.
Für Administratoren bleibt die Empfehlung: Testen Sie die Mail App in einer kontrollierten Umgebung, bevor Sie sie produktiv ausrollen. Prüfen Sie, ob die Performance Ihres IMAP‑Servers ausreicht. Schulen Sie die Benutzer in den Besonderheiten. Und akzeptieren Sie, dass nicht jeder von heute auf morgen wechseln wird. Wer das verstanden hat, wird mit Nextcloud Mail eine verlässliche, wenn auch nicht spektakuläre, Lösung im Werkzeugkasten haben. Und das ist mehr, als viele andere Webmail‑Projekte von sich behaupten können.
Nicht zuletzt: Der Blick auf die Community und die Entwicklungsgeschwindigkeit gibt Grund zur Hoffnung. Nextcloud ist ein lebendiges Projekt. Die Mail App wird besser – vielleicht nicht so schnell, wie man es sich wünscht, aber sie wird besser. Und das zählt.