Nextcloud Office Selbst gehostete Bürosuite mit Ecken und Kanten

Nextcloud Office: Selbst gehostete Bürosuite mit Ecken und Kanten

Es gibt Sätze, die hört man als Journalist mit Technik-Hintergrund häufiger, als man denkt: „Wir wollen Microsoft 365 loswerden.“ Die Begründung beginnt selten mit dem Preis, häufiger mit einer grundsätzlichen Vertrauensfrage. Dokumente in Clouds, deren Server-Standorte kaum nachvollziehbar sind? Für viele Unternehmen unter DSGVO-Gesichtspunkten ein wachsendes Problem. Und dann taucht ein Name auf, der in diesem Zusammenhang fast schon zum Synonym für Selbsthosting geworden ist: Nextcloud. Die freie Cloud-Suite aus Deutschland kann Dateien teilen, Kalender verteilen, Meetings organisieren – und inzwischen auch Dokumente bearbeiten. Nextcloud Office ist der Oberbegriff für diese Bürofunktionen. Was sich dahinter versteckt, ist allerdings mehr Architektur, als die knappe Produktbezeichnung vermuten lässt.

Was Nextcloud Office zu einem eigenen Produkt macht

Nextcloud ist ursprünglich als Datei-Plattform groß geworden. Die Software aus dem Schwarzwald beherrscht WebDAV, Shares, Freigabelinks, Versionierung und inzwischen auch ein beachtliches App-Ökosystem. Office war dabei lange ein Fremdkörper. Wer eine .docx-Datei im Webinterface anklickte, bekam eine Vorschau oder wurde aufgefordert, die Datei herunterzuladen und lokal zu bearbeiten. Das Ergebnis wurde dann wieder auf den Server geladen. Kollaboration sah ähnlich aus wie vor zwanzig Jahren, nur mit modernerer Oberfläche.

Mit Nextcloud Office ist das anders. Dokumente öffnen sich direkt im Browser, in einem Editor mit Symbolleisten, Seitenrahmen und Kommentarfunktion. Änderungen werden nicht erst gespeichert, wenn der Nutzer auf einen unsichtbaren Knopf drückt, sondern laufend zwischen Server und Editor synchronisiert. Mehrere Personen können gleichzeitig an derselben Datei arbeiten, sehen Cursor und Auswahlbereiche der anderen, diskutieren über Kommentare und hinterlassen einen nachvollziehbaren Verlauf. Das ist die eigentliche Neuerung: Nextcloud wird damit von einer Ablage zu einem Arbeitsplatz.

Technisch gesehen ist das allerdings keine einzelne App, sondern ein Zusammenspiel aus mehreren Diensten. Die Nextcloud-Instanz bleibt die Datenhaltung. Dazu tritt ein separater Office-Server, der die eigentliche Konvertierung der Dokumente übernimmt. Dieser Server kann auf demselben Rechner laufen wie Nextcloud, sollte es aber im produktiven Betrieb nicht. In der Praxis sind das eigene virtuelle Maschinen oder Container mit eigenen Ressourcen. Das ist für manchen Administrator zunächst ungewohnt, erklärt aber vieles, was im Betrieb schiefgeht, wenn man den Office-Server vernachlässigt.

Die Architektur: Zwei Server, ein Browser

Wer die Nextcloud-Dokumentation zum Thema Office aufschlägt, stößt früher oder später auf einen Begriff, der aus der Microsoft-Welt stammt: WOPI. Das Protokoll Web Application Open Platform Interface definiert, wie eine Office-Umgebung im Browser mit einem Dokumentenserver kommuniziert. Nextcloud nutzt diese Schnittstelle, um eine Datei aus dem eigenen Speicher an den Office-Server zu übergeben, ohne sie dauerhaft aus der Hand zu geben. Der Office-Server erhält einen tokenbasierten Zugriff, lädt die Datei, konvertiert sie in ein internes Bearbeitungsformat und schickt sie dann gerendert an den Browser zurück.

Der Browser spricht also mit zwei Servern: mit Nextcloud für die Verwaltung – etwa für das Speichern neuer Versionen oder das Einrichten von Freigaben – und mit dem Office-Server für die Darstellung der Seite. Diese Trennung hat einen entscheidenden Vorteil: Die Anwender sehen auf allen Geräten dasselbe Bild, egal ob sie mit einem High-End-Rechner oder einem kränkelnden Convertible unterwegs sind. Das Rendering passiert auf dem Server, nicht im Client.

Der Preis dafür ist ein vergleichsweise hoher Ressourcenbedarf. Ein Office-Server muss Dokumente in Sekunden in das Zwischenformat überführen, Änderungen interpretieren und bei jedem Scrollen neue Seitenansichten erzeugen. Das kostet CPU, Arbeitsspeicher und bisweilen auch Nerven. Wer den Office-Server in einer kleinen VM nebenbei mitlaufen lässt, muss sich nicht wundern, wenn die Bearbeitung von großen Präsentationen oder Rechenmodellen in die Knie geht. Nextcloud selbst ist schlank; der Office-Server ist es nicht.

Für Admins bedeutet das vor allem eines: Man braucht ein Deployment-Konzept. Die gute Nachricht ist, dass der Office-Server inzwischen als Docker-Image ausgeliefert wird und sich gut in bestehende Infrastrukturen integrieren lässt. Die schlechte Nachricht ist, dass es kein Ende-der-Fahnenstange-Paket aus der Nextcloud-Oberfläche heraus gibt. So gesehen ist Nextcloud Office eher eine Plattform als ein Plug-in.

Collabora oder ONLYOFFICE – Die Qual der Wahl

Wer sich für Nextcloud Office interessiert, merkt schnell, dass es nicht die eine offizielle Office-Integration gibt. Nextcloud pflegt zwei Wege, und beide sind offiziell unterstützt, beide sind Open Source. Der erste Weg führt über Collabora Online. Das ist der Dienst, den Nextcloud selbst in seinem Produkt „Nextcloud Office“ anbietet. Collabora basiert auf der Codebasis von LibreOffice und bringt damit eine lange Tradition im Umgang mit Office-Dateiformaten mit. Der zweite Weg heißt ONLYOFFICE. Auch dieser Server ist als Integration für Nextcloud verfügbar, wird aber von einem anderen Hersteller entwickelt und gewartet.

Die Unterschiede sind nicht nur technischer Natur. Collabora fühlt sich in der Bedienung so an, wie man es von älteren Office-Suiten kennt – funktional, aber nicht unbedingt elegant. Die Menüs sind übersichtlich, die Textverarbeitung ist ausgewachsen, und die Unterstützung für ODF-Dokumente ist erwartungsgemäß hervorragend. Bei Microsoft-Formaten zeigen sich gelegentlich kleinere Abweichungen, etwa bei komplexen Textfeldern oder ungewöhnlichen Formatvorlagen. Das ist kein Zufall, sondern ererbte Schwäche von LibreOffice.

ONLYOFFICE macht optisch mehr her. Die Oberfläche erinnert an aktuelle Microsoft-Produkte, mit schlanken Registerkarten und einer aufgeräumten Symbolleiste. Vor allem die Tabellenkalkulation kann punkten: Pivot-Tabellen, bedingte Formatierung und komplexe Formeln funktionieren überraschend gut. Das hat dazu geführt, dass sich ONLYOFFICE in der Praxis häufig als besserer Excel-Ersatz entpuppt, während Collabora bei Textdokumenten und Präsentationen die Nase vorn hat. Eine durchgehend überlegene Lösung gibt es nicht.

Wer eine grundsätzliche Strategie verfolgt, sollte beide Backends ausprobieren. Die Installation ist mit überschaubarem Aufwand möglich, und der Wechsel zwischen Collabora und ONLYOFFICE ist in Nextcloud nicht an eine unumkehrbare Entscheidung gebunden. Wichtig ist nur, dass man sich nicht von der Optik blenden lässt. Die eigentliche Frage ist, mit welchem Server die eigene Dateibasis am besten klarkommt. Das lässt sich nur mit einem repräsentativen Dateisample beantworten, nicht mit einem Blick auf Marketingunterlagen.

Der Funktionsumfang im ehrlichen Check

Es gibt Dinge, die funktionieren in Nextcloud Office erstaunlich gut. Texte werden formatiert, Tabellen bekommen Rahmen, Präsentationen lassen sich mit Folienübergängen versehen. Änderungen sind nachverfolgbar, Kommentare lassen sich zuweisen und auflösen, und die Echtzeit-Kollaboration ist – wenn der Server mitspielt – ein Erlebnis, das sich nur unwesentlich von Google Docs unterscheidet. Das sollte nicht klein geredet werden: Eine selbst gehostete Office-Suite, die diese Grundfunktionen stabil beherrscht, ist eine echte Alternative für öffentliche Einrichtungen, Kanzleien und mittelständische Unternehmen.

Schwierig wird es beim Detailgrad. Wer ein Manual mit verschachtelten Überschriften, automatischen Abbildungsverzeichnissen und gecrossten Querverweisen übernimmt, muss mit Verschiebungen rechnen. Komplexe Excel-Modelle, die mit Daten verbindungen zu externen Quellen arbeiten, sind nicht möglich. Und Präsentationen, die auf ausgefallenen Schriften und animierten SmartArt-Grafiken beruhen, verlieren beim öffnen in Nextcloud Office häufig ihren Feinschliff. Das sind keine Fehler der Entwickler, sondern eine direkte Folge davon, dass nicht jedes Detail der Microsoft-Dateiformate öffentlich dokumentiert ist.

Makros sind ein eigenes Kapitel. VBA wird in Nextcloud Office aus Sicherheitsgründen grundsätzlich nicht ausgeführt. Für Unternehmen, die seit Jahren auf Excel-Werkzeuge mit Makros bauen, ist das ein Ausschlusskriterium. Es gibt jedoch einen Ausweg: Makros lassen sich teilweise durch eigene Skripte oder Formeln ersetzen, wenn man bereit ist, die Prozesse neu zu denken. Das setzt aber voraus, dass nicht einfach nur die Software getauscht wird, sondern auch die internen Abläufe überdacht werden. An dieser Aufgabe scheitern viele Projekte – nicht an Nextcloud, sondern an der Gewohnheit.

Ein interessanter Aspekt ist die Integration in die übrigen Nextcloud-Funktionen. Office-Dokumente nutzen die Versionshistorie der Plattform, lassen sich per Link freigeben und direkt in Nextcloud Talk diskutieren. Man kann eine Präsentation im Browser halten, während die Teilnehmer über Talk zugeschaltet sind. Das ist eine Kombination, die in einem klassischen Dateisystem nicht möglich wäre. Allerdings bleibt die Office-Oberfläche in Nextcloud eine Insel: Whiteboards, Kalender und andere Apps sind nicht nahtlos in die Dokumentbearbeitung eingebunden. Ein klickbarer Arbeitsplatz im Sinne von „Alles gehört zusammen“ ist das noch nicht.

Sicherheit, Datenschutz und das leidige Thema Ende-zu-Ende

Spätestens an dieser Stelle sollte man über Sicherheit sprechen, denn die ist meistens der eigentliche Grund für die Einführung von Nextcloud. Nun kommt die Ernüchterung: Nextcloud Office ist nicht automatisch die sicherste Umgebung, nur weil sie selbst gehostet wird. Die Daten liegen auf eigenen Servern, das stimmt. Aber der Office-Server braucht Zugriff auf die Klartextdaten, um sie zu konvertieren und darzustellen. Eine Speicherverschlüsselung auf Dateisystemebene nützt nichts, wenn der Dienst die Datei in den Arbeitsspeicher lädt. Wer sich das nicht klarmacht, baut eine Scheinsicherheit auf, die im Angriffsfall nicht trägt.

Eine echte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der die Dokumente nur auf den Endgeräten entschlüsselt werden, würde mit der Kollaborationsfunktion kollidieren. Nextcloud bietet eine solche Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für einzelne Dateien zwar an, aber verschlüsselte Dateien lassen sich nicht im integrierten Office-Editor öffnen. Das ist keine böswillige Einschränkung, sondern technische Logik: Der Editor würde die Schlüssel benötigen, und damit wäre die Verschlüsselung kein Ende-zu-Ende mehr. Wer diesen Widerspruch nicht akzeptiert, greift besser zu einer rein synchronisierenden Lösung ohne Online-Büro.

Deutlich besser sieht es bei der Zugriffskontrolle aus. Nextcloud authentifiziert die Nutzer über die eigene Benutzerverwaltung, unterstützt LDAP und SAML und übergibt dem Office-Server nur kurzfristige, eingeschränkte Token. Der Office-Server muss keine eigenen Konten anlegen; er kann die Dokumente nur über die eingeloggte Session öffnen. Das ist ein sauberes Konzept und in dieser Klarheit bei vielen kommerziellen Anbietern nicht üblich. Wer zusätzlich möchte, dass der Office-Server keine Verbindung nach außen aufbaut, kann ihn in ein isoliertes Netz segmentieren. Einfacher geht der Schutz kaum.

Nicht zuletzt spielt die Wahl des Anbieters eine Rolle. Nextcloud selbst hat seinen Hauptsitz in Deutschland und unterliegt der europäischen Datenschutzgesetzgebung. Bei selbst gehosteten Installationen ist das eher zweitrangig, weil der Betreiber selbst verantwortet, was mit den Daten passiert. Bei den kommerziellen Angeboten, die diese Umgebung als Dienstleistung anbieten, lohnt ein genauer Blick auf die Serverstandorte. Nicht jeder Anbieter, der „Nextcloud“ auf der Homepage stehen hat, hostet auch in Europa.

Betrieb: Wer hier spart, zahlt später

Der Betrieb einer Office-Umgebung auf Nextcloud-Basis ist weniger spektakulär, als es klingt, aber er erfordert Disziplin. Die wichtigste Ressource ist nicht die Festplatte, sondern der Arbeitsspeicher. Während eine klassische Dateifreigabe mit wenigen Gigabyte durchaus funktioniert, sieht das beim Office-Server anders aus. Schon zehn gleichzeitige Bearbeitungen großer Dokumente können einen Server mit acht Gigabyte Arbeitsspeicher an seine Grenzen bringen. Wer also nicht gerade nur ab und zu ein kleines Textdokument im Browser ansehen möchte, sollte den Office-Server nicht auf einer Minimalkonfiguration laufen lassen.

Hinzu kommt die Latenz. Nextcloud selbst arbeitet in der Regel mit zwei, drei Sekunden Verzögerung, bevor eine Datei geöffnet ist. Beim Office-Server kommt noch die Konvertierungszeit hinzu. Und wenn die Verbindung zwischen Nextcloud und Office-Server über einen schlecht konfigurierten Proxy läuft, merkt man das sofort: Der Anwender wartet, bis der kleine Ladekreis verschwindet, nicht selten vergeht eine gefühlte Ewigkeit. Ein guter Netzwerkpfad zwischen den beiden Diensten ist daher mindestens so wichtig wie die CPU.

Monitoring ist unerlässlich. Nextcloud selbst liefert ein paar Echtzeitkennzahlen, aber der Office-Server ist das System, das zuerst ausfällt. Ein unüberlegtes Update der Office-Komponente kann dazu führen, dass sich Dokumente nicht mehr öffnen lassen. Um das zu verhindern, sollte man die Updates kontrolliert einspielen und eine Rollback-Strategie parat haben. Automatisierte Backups sind selbstverständlich, aber gerade bei einem Container-Setup mit Docker sollte man sicherstellen, dass die Datenvolumen des Office-Servers mitgesichert werden. Nur die Nextcloud-Datenbank zu sichern, reicht nicht.

Wer diese Dinge einmal eingerichtet hat, findet sich schnell zurecht. Die Verwaltung der Office-Server ist über eine eigene Administrationsseite in Nextcloud möglich, und die gängigen Fehlerbilder lassen sich inzwischen gut nachlesen. Ein stabiler Betrieb ist machbar, aber er erfordert einen sorgenvollen Blick auf die Last und den Speicherbedarf. Das ist der Preis für die Freiheit, die man mit einer eigenen Cloud erkauft.

Microsoft 365 als Vergleich: Was die Suite nicht kann

Es gibt einen Satz, der in Projektbesprechungen immer wieder fällt: „Wir wollen einfach nur Microsoft 365 in selbst gehostet.“ Diesen Wunsch kann Nextcloud Office nicht erfüllen. Dafür fehlen nicht nur Funktionen, sondern auch ein grundlegendes Verständnis davon, wie tief Microsoft 365 in die übrige Produktlandschaft eingewoben ist. OneDrive, Outlook, Teams, SharePoint, Power Automate – all das ist mehr als eine Ansammlung von Apps, es ist ein Ökosystem. Nextcloud Office ist dagegen eine Office-Suite mit angeschlossener Dateiablage. Das ist kein Nachteil, es ist eine andere Kategorie.

Im direkten Vergleich fällt auf: Die Textverarbeitung von Nextcloud Office erreicht bei Standardbriefen, Vorlagen und einfachen Berichten eine beeindruckende Qualität. Die Tabellenkalkulation beherrscht die üblichen Formeln, bedingte Formatierung und Diagramme. Aber es fehlen Dinge wie Power Pivot, erweiterte Datenmodelle oder gar komplexe Slicer-Konstruktionen, wie sie die Desktop-Version von Microsoft Excel bietet. Diese Werkzeuge nutzen nicht viele, aber wenn sie genutzt werden, sind sie unersetzlich. Genau das ist der Moment, in dem eine Migration scheitert, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt wird.

Auch bei der Zusammenarbeit gibt es kulturelle Unterschiede. Die Live-Koexistenz in Microsoft-Dokumenten ist inzwischen sehr ausgereift, aber sie bleibt auf die Microsoft-Welt beschränkt. Nextcloud Office ist durchlässiger bei Freigaben an externe Personen, weil es keine Lizenzprüfung gibt. Man kann eine Datei einfach per Link teilen, ohne dass der Empfänger ein Konto besitzen muss. Das ist gerade für öffentliche Verwaltungen und gemeinnützige Organisationen ein starkes Argument. Ebenso wichtig ist, dass die Freigabe nicht mit dem Umsatz des Anbieters verbunden ist. Es gibt keine Sperren, keine Warnhinweise, keine 30-Tage-Testphase.

Insofern ist der Vergleich mit Microsoft 365 letztlich unfair. Wer eine vollständige Ablösung des Redmonder Produktes erwartet, wird enttäuscht. Wer nach einer belastbaren, europäischen, eigenständig betreibbaren Büroumgebung sucht, findet in Nextcloud Office ein überzeugendes Angebot. Die Kunst ist, nicht alles auf einmal zu wollen und den Umstieg in einer Reihenfolge zu gestalten, die dem Betrieb Zeit lässt, sich auf die neue Umgebung einzustellen.

Migration und Einführung: Ein realistischer Fahrplan

Bevor man über das Aktivieren der Office-App nachdenkt, sollte man die Datenbasis kennen. Eine einfache Analyse der Dateitypen und Größen hilft weiter. Liegen überwiegend kurze Briefe und einfache Listen vor, wird die Migration kaum ein Problem. Finden sich dagegen viele Excel-Mappen mit hunderttausend Zeilen und komplexer Formatierung, sollte man die betroffenen Fachabteilungen rechtzeitig in die Testphase einbinden. Am besten beginnt man mit einer Pilotgruppe, die arbeitsplatzbezogene Dokumente wirklich öffnen und bearbeiten muss. Dazu gehören nicht nur die IT-Abteilung, sondern auch Vertreter des Sekretariats und der Finanzverwaltung.

Auch die Benutzerführung ist entscheidend. Nextcloud Office sieht nicht aus wie der klassische Desktop-Editor. Die Schaltfläche „Speichern“ existiert nicht, weil Änderungen permanent synchronisiert werden. Das wirkt in einer Welt, in der man gewohnt ist, nach jeder Änderung die Tastenkombination Strg+S zu drücken, seltsam. Ein erfahrener Administrator kann das zwar erklären, aber der eigentliche Mehrwert wird erst deutlich, wenn man erlebt, dass eine versehentliches Schließen des Browserfensters keine Daten vernichtet. Das Prinzip der automatischen Speicherung ist eine echte Entlastung – wenn man sich darauf einlässt.

Die Umstellung von Desktop-Programmen auf eine Browser-Lösung wirft außerdem Fragen zum unterstützten Arbeitsplatz auf. Nicht jede Notebook-Dockingstation hat eine ausreichend stabile Netzwerkverbindung, und eine Office-Bearbeitung in überlasteten WLAN-Umgebungen führt spürbar zu Verzögerungen. Wer zuvor lokal gearbeitet hat, erwartet eine unmittelbare Reaktion. Nextcloud Office setzt eine gewisse Bandbreite, vor allem aber eine stabile Latenz voraus. Das muss nicht jeder Arbeitsplatz erfüllen, aber es sollte geprüft werden, bevor man die Clients auf die neue Arbeitsumgebung umstellt.

Letztlich braucht die Einführung Zeit. Nextcloud Office ist nicht am ersten Tag perfekt konfiguriert. Die Filter für Dokumente verbessern sich mit jeder Version, und auch die Bedienung wird weiterentwickelt. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer belastbaren, offenen Plattform belohnt, die unabhängig von großen Cloud-Anbietern funktioniert. Das ist ein gutes Gefühl, gerade in Zeiten, in denen digitale Souveränität für viele Unternehmen zur Pflicht geworden ist.

Ausblick: Wohin geht die Reise?

Nextcloud entwickelt sich sichtbar von der Dateiablage zu einer kollaborativen Arbeitsplattform. In den letzten Jahren haben sich Talk, Collectives, Whiteboards und andere Werkzeuge in die Oberfläche integriert. Nextcloud Office ist dabei kein statischer Baustein mehr, sondern wird in den zentralen Arbeitsfluss eingebunden: Dokumente werden aus einer Besprechung heraus geöffnet, Inhalte aus der Textverarbeitung in eine Sammelmappe eingefügt, Präsentationen gemeinsam vorbereitet. Die Integrationspunkte wachsen, und das macht die Suite für Entscheider zunehmend attraktiv.

Die Entwicklung von Collabora und ONLYOFFICE verläuft parallel. Collabora profitiert von der Arbeit der LibreOffice-Community und dessen kontinuierlichen Verbesserungen der Dateifilter. ONLYOFFICE werkelt an einer eigenen Produktivitätssuite und erweitert sie um CRM- und Projektwerkzeuge. Ob das in die Nextcloud-Landschaft passt, muss sich zeigen. Manche Wunschfunktionen werden aber nicht kommen, weil die Architektur der Microsoft-Desktoptools zu tief in den Formaten verwurzelt ist. Eine vollständige OOXML-Kompatibilität bleibt eine Illusion.

Interessant ist auch die Frage der Skalierung. Nextcloud Office wird längst nicht mehr nur von kleinen Häusern eingesetzt. Auch Landesbehörden, Hochschulen und Großunternehmen nutzen die Lösung, häufig im Verbund mit mehreren Office-Servern. Das führt dazu, dass die Anforderungen an die Betriebsfähigkeit wachsen: automatische Skalierung, Lastverteilung und zentrale Verwaltung sind inzwischen Themen, die nicht mehr in erster Linie von einer Community-Installation, sondern von einer Enterprise-Umgebung behandelt werden. Dabei zeigt sich, dass Nextcloud Office in einer professionell betriebenen HA-Umgebung deutlich robuster ist, als es der einfache Docker-Container auf dem Server zu Hause vermuten lässt.

Fazit: Enorm viel Gegenwart, aber nicht die Zukunft von Microsoft

Nextcloud Office ist mehr als ein Versprechen. Wer sich darauf einlässt, erhält eine durchdachte, offene Büroumgebung, die sich in vielen Arbeitsabläufen ohne Kompromisse nutzen lässt. Die Echtzeit-Kollaboration funktioniert, die Einbindung in Nextcloud ist gelungen, und die Daten liegen unter eigener Kontrolle. Das sind starke Argumente in einer Zeit, in der Digitalisierung und Datenschutz allzu oft als Gegensätze erscheinen.

Gleichzeitig bleibt Nextcloud Office eine Suite mit Grenzen. Wer Makros braucht, sehr komplexe Excel-Modelle pflegt oder auf exakte Layout-Treue in PowerPoint angewiesen ist, wird in Microsoft 365 oder den Desktop-Paketen weiterhin die passendere Umgebung finden. Das ist keine Bankrotterklärung, sondern eine Einordnung. Für den überwiegenden Teil der Bürokommunikation, also für Briefe, Berichte, Kalkulationen und Präsentationen im üblichen Rahmen, reicht Nextcloud Office mehr als aus.

Für IT-Verantwortliche, die das Thema Selbsthosting ernst nehmen, ist Nextcloud Office deshalb eine der spannendsten Entwicklungen der letzten Jahre. Die Software ist inzwischen ausgereift, die Community aktiv und die Kommerzialisierung durch Nextcloud und Partner hat nicht zu einer Einschränkung der Quelloffenheit geführt. Der Betrieb verlangt solide Grundkenntnisse und ein wenig Geduld, aber er führt zu einer digitalen Infrastruktur, die nicht an die Launen eines einzelne Konzerns gekoppelt ist. Genau das ist der Punkt, an dem Nextcloud Office seine wahre Stärke ausspielt: Es gibt den Anwendern die Kontrolle über ihre Daten zurück – und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern in der täglichen Praxis.